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Flugfrei nach Mallorca Teil 3/3: Die Rückreise

Verän­derung ist die Kon­stante unser Zeit: Was gestern noch unmöglich war, ist heute Stan­dard und was gestern noch Stan­dard war, gilt heute schon als unmöglich: „Macht man nicht mehr!“ Zum Beispiel Rauchen im Restau­rant. Und was ist mit Flu­greisen? Etwa Train­ingslager auf Mal­lor­ca? Darauf verzicht­en? Sehr schw­er! Weit­er machen wie bish­er? Auch schwierig! Also neue Weg gehen (bess­er fahren): Fahrzeit.si-Autor Gun­nar Fehlau hat es aus­pro­biert: Mit Zug und Fähre zum Rad­fahren nach Mal­lor­ca.

Hier kommt der dritte und let­zte Teil sein­er Reise: der Weg zurück – natür­lich auch ohne Flieger.

Fahrt ins Blaue

Tag Zwei: Es ist kalt, die Regen­wolken hän­gen tief im Tra­muntana-Gebirge und unsere Routen-Idee für diesen Tag ist Maku­latur. Wir impro­visieren ein­mal mehr und lassen uns treiben. Der Him­mel ist unser Nav­i­ga­tor: Wir fahren ein­fach stets in Rich­tung des blauen Him­mels.

Fahrtrich­tung Son­nen­schein.

Weil es heute windig ist und dieser auch bisweilen dreht, fahren wir in über fünf Stun­den eine „dreifach-Acht“ rund um die MA-13 in Sineu, in der wir unterge­bracht sind. Das stört uns aber nicht, da wir in diesem Modus trock­en bleiben, viele neue Sträßchen ent­deck­en und in einem Café stop­pen, das unter reg­ulärem Touren­ver­lauf zu nahe am Quarti­er liegt, nun aber in unser­er kuli­nar­ischen Karte fest verze­ich­net ist.

Am Abend ist Lichter­fest in Sineu: Wir schlen­dern durch die illu­minierte Alt­stadt zum Restau­rant. Die Mach­er beweisen Gespür, sie kom­binieren Alt und Neu, His­to­rie und Mod­ernes sehr gekon­nt. Die näch­sten Tage verge­hen voller fein­ster Fahrten und ohne jeden Ein­fluss durch unsere Anrei­sev­er­sion.

Die Rückreise

Der Plan sah so aus:

23:55 bis 7:40 Uhr: Fähre nach Barcelona

Fußweg zum Bahn­hof (mit Früh­stück­stop in einem Café)

09:25 bis 15:53 Uhr: TGV Barcelona Sants nach Paris Gare de Lyon

Der bere­its bekan­nte Metro oder Bus-Trans­fer

17:10 bis 20:17 Uhr: ICE Paris Est nach Mannheim

20:32 bis 23:04 Uhr: ICE Mannheim nach Göt­tin­gen

Von Sineu kann man mit dem Zug nach Pal­ma fahren, aber Jan-Eric Schwarz­er, Mr. Ma-13, holt ohne­hin ank­om­mende Gäste am Flughafen ab und kann mir einen Lift geben. Axel musste bere­its am Nach­mit­tag auf­brechen. Diesen Lift nehme ich eben­so dank­end an, wie die Ein­ladung, ihn samt Gästen in die Robert Capa-Ausstel­lung und zum anschließen­den Tapas-Essen zu begleit­en.

Der Tag rollt nach ein­er vor­mit­täglichen Aus­fahrt mit Kul­tur und Kuli­narik vom Fein­sten aus. Einen Moment vergesse ich zwis­chen Kroket­ten, Okto­pus und Oliv­en die Risiken der Rück­fahrt: Ich habe mit dem Wagen weniger Zeit als auf dem Hin­weg, um zurück nach Mont­pel­li­er zu kom­men und dann drei Anschlüsse mit einem Stadt­bus­trans­fer zu erre­ichen, um – wenn alles nach Plan läuft –, um 23:04 in Göt­tin­gen aus dem ICE zu steigen, ziem­lich genau 24 Stun­den nach­dem die Fähre in Pal­ma abgelegt hat.

Alles nur in deinem Kopf“, rede ich mir ein und wieder­hole es mantraar­tig, als ich nach dem Essen zu Fuß vom „La Rosa Ver­mutería“ zum Pier laufe.

Ein her­rlich­er Spazier­gang im lauen Abend. „Den hättest du mit dem Flieger auch nicht gehabt!“ schießt es mir durch den Kopf.

Zurück auf der Fähre – dies­mal war es nicht so gemütlich.

Ein Kiosk ver­sorgt mich mit einem Absacker­bier und ich bin nach ein­er guten Dreivier­tel­stunde mit reich­lich Puffer vor Ort. Was fehlt, ist das Schiff! Adren­a­lin schießt durch meinen Kör­p­er. Der Check-In-Mitar­beit­er bringt Klärung. Das Schiff liegt an einem anderem Pier und wir wer­den per Bus hinge­fahren.

Schlechter Start, gutes Finale!

Die Nacht auf der Fähre ist unbe­quem, kein „Viererbett“ und deut­lich­er Wellen­gang. In Barcelona ste­ht wieder ein klein­er Bus­trans­fer an, der raubt mir Zeit. Das Hotel finde ich auch nicht auf Anhieb und so biege ich erst um 8:11 Uhr auf die Ufer­straße Rich­tung Auto­bahn.

Gegenüber der hek­tis­chen Hin­fahrt im Dunkeln ist der Rück­weg eine Offen­barung, ich stelle den Tem­po­mat auf 130 km/h und genieße die Land­schaft. Den­noch stellt sich keine innere Ruhe ein. Ich muss noch Tanken, den Wagen abgeben und zum Gleis laufen.

30 Minuten vor Abfahrt fahre ich in die Außen­bezirke von Mont­pel­li­er ein, zwei Run­den um den Bahn­hof, bis ich zwis­chen Ein­bahn­straßen und Baustellen die Ein­fahrt zum Parkhaus gefun­den habe: es bleiben 17 Minuten. 15 Minuten Rest: der Wagen ist abgegeben, 12 Minuten Rest: ich ste­he im Bahn­hof, 7 Minuten Rest: ich ste­he mit einem heißen Kaf­fee in der Hand am Gleis.

A‑Team-Allüren

… „ich liebe es, wenn ein Plan funk­tion­iert“, denke ich mir und sause kurze Zeit später mit über 300 km/h Rich­tung Paris. Der Rest ist schnell erzählt, selb­st wenn er in Real­ität gute 12 Stun­den brauchte: Alle (!) Züge sind pünk­tlich, der Bus-Trans­fer funk­tion­iert tadel­los und ich komme um 23:04 Uhr in Göt­tin­gen an.

Hin und zurück mit mit über 300 km/h – schon beein­druck­end.

Sinnfrage: Lohnt sich das?

Wer fliegt, ist schnell hier und dort, ist auf jed­er Par­ty dabei und set­zt die Trends. High Soci­ety und Glam­our ist ohne Flieger kaum denkbar. Mit Bahn und Fähre zu reisen fühlt sich dage­gen an, wie der Typ zu sein, der die Schnäp­pchen und guten Ange­bote ver­passt. Der sich um etwas bringt. Der ver­passt. Der nicht auf Zack ist. Und der auch der Dumme ist, schließlich zahlt er deut­lich mehr.

Und, hat der ganze Aufwand sich gelohnt?

Und zwar mit dem real­sten aller Zahlungsmit­tel, mit sein­er Leben­szeit. Aber halt, greift das nicht zu kurz? In Zeit­en von 9,95 Euro-Tick­ets ist der Weg zum Ziel irgend­wie zum notwendi­gen Übel verkom­men und seines eige­nen Wertes beraubt wor­den. Doch Dinge brauchen ihre Zeit.

Die am Mor­gen gepflanzte Eiche trägt mit­tags noch keine Hänge­mat­te, der For­mauf­bau im Rad­sport braucht Train­ing, und Wun­derdiäten verklein­ern immer nur Geld­pol­ster, niemals Fettpol­ster.

Genau deshalb habe ich die „lange“ Rei­sev­er­sion genossen, sie hat mir neue Per­spek­tiv­en, Erleb­nisse, Begeg­nun­gen, Gedanken und Gefüh­le beschert. Dafür habe ich mehr bezahlen müssen: Mehr Geld und mehr Zeit.

Zu neuen Erfahrun­gen sollte man niemals nein sagen.

Es geht, flugfrei nach Mal­lor­ca zum Rad­fahren zu reisen. Diese Anreise lehrt mich Demut vor Raum und Zeit, sie gibt mir den Respekt vor der Dis­tanz zurück und sie entschle­u­nigt mich. Das hat einen großen Wert, für den ich gerne weniger Zeit vor Ort in Kauf nehme. Das ist sich­er nicht all­ge­mein gültig, aber alleine ste­he ich damit auf jeden Fall auch nicht.