Flugfrei nach Mallorca Teil 2/3: Inselkilometer & Zahlenspiele

Verän­derung ist die Kon­stante unser Zeit: Was gestern noch unmöglich war, ist heute Stan­dard und was gestern noch Stan­dard war, gilt heute schon als unmöglich: „Macht man nicht mehr!“ Zum Beispiel Rauchen im Restau­rant. Und was ist mit Flu­greisen? Etwa Train­ingslager auf Mal­lor­ca? Darauf verzicht­en? Sehr schw­er! Weit­er machen wie bish­er? Auch schwierig! Also neue Weg gehen (bess­er fahren): Fahrzeit.si-Autor Gun­nar Fehlau hat es aus­pro­biert: Mit Zug und Fähre zum Rad­fahren nach Mal­lor­ca.

In Teil 2 geht es endlich aufs Rad – was Gun­nar aber nicht davon abhält, ein paar Rech­nun­gen über Fähre vs. Flug aufzustellen.

Ausgeschlafen in Palma

Zum ersten Mal seit wir des Zugen­des in Mont­pel­li­er gewahr wur­den, atme ich tief durch und bin entspan­nt. Das war nichts für schwache Ner­ven. Entspan­ntes Bah­n­reisen geht anders. Und die geplante Tapas-Schlem­mer-Orgie zwis­chen Zugankun­ft und Fährab­fahrt ist ersat­z­los aus­ge­fall­en. Für Kabi­nen hat das Geld nicht gere­icht. Wir haben Lie­ge­sitze gebucht. Die Fähre ist halb leer, so kön­nen wir die Arm­lehnen in der Vier­errei­he hochk­lap­pen und uns der Länge nach hin­le­gen. Lange bin ich nicht so schnell und fest eingeschlafen.

Flugfrei nach Mallorca
Wer hätte gedacht, dass man auf einem Lie­ge­sitz so gut schlafen kann.

Bikes statt Shuttle

Die Fähre ist das erste Verkehrsmit­tel auf unser­er Reise, das pünk­tlich ist: Um 6:45 Uhr leg­en wir in Pal­ma de Mal­lor­ca an und gehen wenige Minuten später von Bord. Nor­maler­weise würde einen nun ein Shut­tle vom Flughafen zum Hotel brin­gen und mit Eincheck­en, Umziehen und Radüber­gabe vergin­gen sich­er zwei Stun­den, bis man auf dem Rad säße.

Das ist angesichts der weni­gen Son­nen­stun­den Ende Novem­ber rein­ste Ver­schwen­dung. Statt uns zum Quarti­er brin­gen zu lassen, bringt das Quarti­er uns die Räder. Und zwar in Form von zwei weit­eren Gästen, Sebas­t­ian und Patrick. Wir deponieren alles nicht benötigte Gepäck im Auto, prä­pari­eren die Räder mit Taschen, leichtem Licht, Klin­gel usw. und sprin­gen sofort in den Sat­tel.

Was für ein Ser­vice!

Kann los­ge­hen.

Schlafend­en Metropolen wohnt ein ganz beson­der­er Reiz inne. Je touris­tis­ch­er die Städte sind, desto lieber bin ich antizyk­lisch unter­wegs. Markus­platz, mor­gens um 7:00 Uhr men­schen­leer. Ever­glades zu Son­nenauf­gang, die pure Ein­samkeit mit den Alli­ga­toren. Pal­ma ist hier nicht anders. Wir gön­nen uns ein paar Schlenker durch die Shop­ping­meilen und Szene-Sträßchen.

Früh mor­gens ist es sog­ar in Pal­ma ruhig.

Keine Self­ie-Hor­den stören unser Fortkom­men, keine Restau­rant-Ansprech­er kreuzen unseren Weg. Selb­st der Baller­mann ist ohne Touris­ten fast beschaulich. Es treibt uns weit­er raus aus der noch trä­gen touris­tis­chen Maschiner­ie auf die kleinen Land­straßen im Süd­west­en der Insel.

Was die Anreise mit mir macht: Gut gelandet?

Es muss 1994 oder 1995 gewe­sen sein, als ich das erste Mal auf Mal­lor­ca zum Rad­fahren war. In der Summe sich­er rund ein Dutzend Mal seit­dem. Der Beginn war immer der gle­iche: Mit der Bahn zum Flughafen und – ruck­zuck – kaum 2,5 Stun­den später lan­dete ich auf der Insel. Ger­ade noch Hand­schuhe, Schneeschauer und Gänse­haut und schon Pal­men, Duft von Zitrusfrücht­en und Pis­ten rechts und links gesäumt von den Mal­lor­ca-typ­is­chen Tan­ca-Mauern.

Die Mal­lor­ca-Reisen der Fehlau-Brüder haben eine lange Tra­di­tion.

Der Wech­sel war so schnell und drastisch, dass ich fast ohn­mächtig und ganz baff Zeit vor Ort brauche, um über­haupt erst anzukom­men. Die ersten Meter auf dem Ren­nrad fühlen sich heute so anders an. Der gewohnte Flug als Ankom­mens-Rit­u­al fehlt. Das Fahren über die Lande wirkt fast sur­re­al, es fehlt dieser „jet­zt bin ich hier“-Auftakt. Alles ist fließen­der, har­monis­ch­er, organ­is­ch­er. Kein har­ter schneller Beat der dig­i­tal­en Gesellschaft, eher ein san­ftes Hine­in­gleit­en in den neuen Zus­tand „Radurlaub“, in die neue Land­schaft, ins neue Kli­ma, in den anderen Gemüt­szu­s­tand, in die gemein­same Brud­erzeit.

Mal­lor­ca ohne Fliegen fühlt sich über­raschend anders an.

Es erin­nert mich an unsere ersten Rad­touren, deren einziger elek­tro­n­is­ch­er Begleit­er ein Sig­ma BC300-Rad­com­put­er war. Alle Elek­trik bestand aus einem Union-Walzen­dy­namo mit Halo­gen-Leucht­en, dem dama­li­gen Non-Plus-Ultra für Nacht­fahrten. Ende der 1980er und schon auf dem Weg zu unserem ersten Start bei Trond­heim-Oslo 1991 war das. Ich bin ganz präsent.

Nicht so erschla­gen vom abrupten Wech­sel. Es fühlt sich san­fter an. Meine Sinne sind schon auf mediter­ran eingestellt und ver­lieren sich wun­der­voll in Details: Dort ein Busch mit Blüten, hier eine Früh­stück­stafel im boden­tiefen Fen­ster eines Prom­e­naden­ho­tels und dieser traumhafte Duft, als wir das Café an der Ecke passieren. Mal­lor­ca, so inten­siv wie nie.

Mallorca von seiner besten Seite – Ganz zu Schweigen

Wir erre­ichen nach gut zwei Stun­den die Ruine der alten Talay­ot-Sied­lung von Capoc­orb. Zeit für einen Kaf­fee-Stopp und der Talait-Bar. Der funk­tion­iert auf Mal­lor­ca natür­lich nicht ohne das typ­is­che spi­ralför­mige Ensaima­da-Gebäck. Die Sonne ste­ht nun schon deut­lich höher und spendet ein wenig Wärme.

Cof­fee-Stop!

Wir sitzen draußen und schauen zur his­torischen Steinan­lage herüber, der (Experten zufolge) wichtig­sten Sied­lung ihrer Art im gesamten Mit­telmeer­raum. Auf der lan­gen Zug­fahrt kon­nten wir uns gegen­seit­ig schon umfassend auf Stand brin­gen. So schweigen wir. Nicht dieses Schweigen, das von der Angst, sich zu öff­nen genährt wird.

Auch nicht das Schweigen, das von des Skep­sis, vielle­icht nicht ver­standen zu wer­den geprägt ist. Nein, das Schweigen, das von ein­er engen Verbindung getra­gen wird, die kein­er Worte bedarf. Das kan­nte ich bish­er nur ab dem zweit­en Tag unser­er tra­di­tionellen Brud­er-Mal­lor­ca-Zeit.

Flugfrei, Zahlenspiele

Mal­lor­ca liegt ca. 1.850 Reisek­ilo­me­ter von Göt­tin­gen ent­fer­nt, das sind 1600 km über Fes­t­land und rund 250 Kilo­me­ter über das Mit­telmeer. Bil­lig-Air­lines brin­gen einen für kaum 50 Euro von qua­si jedem ihrer mit­teleu­ropäis­chen Flughäfen bin­nen etwa 150 Minuten Net­to-Flugzeit nach Mal­lor­ca.

Was genau und wie viel spart man eigentlich, wenn man nicht mit dem Flugzeug anreist?

Rech­net man die Anreise zum Flughafen, Check-In und Co. zusam­men, dann braucht man meist so rund acht Stun­den von Haustür bis zum Ver­lassen des Flughafens in Pal­ma. Mit dem Zug hat es grobe 14 Stun­den bis Barcelona und die fol­gende Nacht bis nach Pal­ma gedauert. Gefühlt also ein hal­ber Tag beim Flieger und ein Tag bei kom­biniert­er Zug-Fähr-Anfahrt.

Auch wenn es nicht ganz stimmt, betra­cht­en wir jet­zt nur die Reise von Haustür bis Barcelona, da für Einzelper­so­n­en auf Fähren kein CO2-Rech­n­er im Netz zu find­en war. Der Umwelt­Mo­bilCheck auf Bahn.de weist für einen Flug nach Barcelona 110,7 kg C02 für eine Per­son aus. Sitzt diese im Zug, so kom­men 13,7 kg zusam­men, in einem vollbe­set­zten Auto wären es 60,8 kg.

Das zeigt Rela­tio­nen auf, die Fähre wird Zug und Auto etwas „ver­schlechtern“, während der Flug nach Mal­lor­ca etwa dem nach Barcelona entspricht. Rund 165 Euro kosten Zug­fahrt, Metro und Fähre. Das nack­te Flugtick­et gibt es wie gesagt für 50 Euro, dazu kommt die Anreise zum Flughafen und ein Trans­fer ab Flughafen.

In Teil 3 geht es wieder zurück nach Göt­tin­gen – ohne Flieger natür­lich!