Flugfrei nach Mallorca Teil 1/3: Anreise mit Hindernissen

Verän­derung ist die Kon­stante unser Zeit: Was gestern noch unmöglich war, ist heute Stan­dard und was gestern noch Stan­dard war, gilt heute schon als unmöglich: „Macht man nicht mehr!“ Zum Beispiel Rauchen im Restau­rant. Und was ist mit Flu­greisen? Etwa Train­ingslager auf Mal­lor­ca? Darauf verzicht­en? Sehr schw­er! Weit­er machen wie bish­er? Auch schwierig! Also neue Weg gehen (bess­er fahren): Fahrzeit.si-Autor Gun­nar Fehlau hat es aus­pro­biert: Mit Zug und Fähre zum Rad­fahren nach Mal­lor­ca. Hier sein Bericht in drei Teilen.

Einfacher Plan, schwere Planung

Der Plan stand nach kaum 15 Minuten Google-Recherche und klick­en in der Bahn-App: Mit dem Zug via Paris nach Barcelona und von dort die Nacht­fähre nach Pal­ma de Mal­lor­ca. Zäher wurde die Buchung. Dig­i­tal bin ich verzweifelt, aber die Medi­enkol­legin­nen von „ander­swo“, einem nach­halti­gen Reisemagazin, wussten Rat: „Gleis­nost“ heißt ein auf Zugfer­n­reisen spezial­isiertes Reise­büro.

Ich bin mir gar nicht sich­er, ob ich in diesem Jahrtausend über­haupt schon ein­mal ein Reise­büro genutzt habe. Zeit für Neues, also genau genom­men Altes. Die Gleis­nost-Crew war in der Lage, die Gabeltick­ets ab Köln (für meinen Brud­er Axel, der mich auf den Hin­weg begleit­et) und ab Göt­tin­gen (für mich) nach Pal­ma zu buchen. Sie kamen einige Tage später per Post und an alles war gedacht: Sog­ar das Stadttick­et für den Trans­fer zwis­chen den zwei beteiligten Paris­er Bahn­höfen liegt den umfan­gre­ichen Unter­la­gen schon bei.

Zwei Brüder, ein Ziel: ohne Flugzeug nach Mal­lor­ca

Das ist der Reiseplan:

Voraus­sichtliche Reisezeit: 13 Std. 40 Min. bis zur Fähre, 23 Std. 51 Min inkl. Über­fahrt

06:54 bis 08:44 Uhr: ICE von Göt­tin­gen nach Frank­furt

(12 Minuten Umsteigezeit)

08:56 bis 12:53 Uhr: ICE von Frank­furt nach Paris Est

(1 Std. 14 Min. Zeit, um zwis­chen den Bahn­höfen ca. 19 Min. via Metro oder Bus-Trans­fer plus 3 Min. Fußweg zurück­zule­gen)

14:07 bis 20:34 Uhr: TGV von Paris Gare de Lyon nach Barcelona Sants

(2 Std. 21 Min. Zeit für den Fußweg zum Hafen)

22:55 bis 6:45 Uhr: Fähre von Barcelona nach Pal­ma de Mal­lor­ca

Einen Tag dauert also die Anreise, sauber geplant. Die Tasche ist gepackt, die Räder wer­den vor Ort geliehen. Das machen viele Rad­sportler und ist deshalb sicher­lich kein Schum­meln.

Beim Pack­en fällt mir auf: Ich muss nicht zwis­chen Handgepäck und Stau­raum­tasche unter­schei­den und auch filze ich meine Taschen nicht auf Mess­er, Feuerzeuge und Kar­tuschen … die Bah­nan­reise schickt sich hier auf jeden Fall ein­fach­er an.

Bequemer Start – holpriger Verlauf

Mit der Ein­fach­heit ist es kurz hin­ter Kas­sel vor­bei. Wir ste­hen auf freier Strecke und es ertönt die Durch­sage: „Wegen Verzögerun­gen im Betrieb­sablauf ver­schiebt sich unsere Weit­er­fahrt um wenige Minuten.“ Als Vielfahrer weiß ich, dass der Begriff „wenige“ sehr vari­abel einge­set­zt wird. Ich schreibe meinem Brud­er, der pünk­tlich unter­wegs ist und ohne­hin 45 Minuten vor mir in Frank­furt ein­trifft.

Zwis­chen Ful­da und Hanau wird klar: Die zehn Minuten Wech­selzeit in Frank­furt sind verzehrt. Ich werde den ICE Rich­tung Paris nicht erre­ichen. Hack: Anschlüsse unter zwei Minuten sagt das Bah­n­per­son­al nicht an, da diese zu knapp sind. Insofern lohnt sich bisweilen das Ren­nen durch den Bahn­hof … Axel hält mich auf dem Laufend­en: „Hal­lo Gun­nar, ich bin die Strecke von Gleis 9 bis 3 in 111 Schrit­ten nor­mal in 61 Sekun­den gegan­gen, dann schaffst du es in 40 schnellen Schrit­ten.“

Teil 2 der Fehlaus fehlt noch.

Wir ver­ständi­gen uns, dass er auf jeden Fall ein­steigt und ich spon­tan entschei­de, ob ich einen „Laufver­such“ in Frank­furt riskiere. Weil Frank­furt ein Kopf­bahn­hof ist, haben die meis­ten Züge deut­lich mehr als zwei Minuten Aufen­thalt: Sollte ich also vor leerem Gleis ste­hen, heißt es umge­hend kehrt zu machen und zum alten Zug zurück­zus­print­en. Axel ruft an: „Hier ist Polizeiein­satz, lauf los!“

Ich renne auf eine Art und Weise, die sich­er am Rande der Höflichkeit ist, durch die Menge ander­er Reisender und erre­iche das Gleis 3: Der ICE ste­ht see­len­ruhig und ich entere ihn keuchend. Geschafft!

Die zehn Minuten Ver­spä­tung, mit denen der Zug in Paris ein­fährt, sind dage­gen ein Klacks: Haben wir doch über eine Stunde Zeit, um die Bahn­höfe zu wech­seln. Wir entschei­den uns für den Bus und genießen die Stadtrund­fahrt.

Im Gare de Lyon ste­hen wir am Gleis und der TGV 9715 ste­ht bere­it. Wir hät­ten stutzig wer­den kön­nen, dass dieser als Ziel Mont­pel­li­er und nicht Barcelona aus­gewiesen hat, aber ich erin­nere mich an Göt­tin­gen: Dort wer­den die Züge, die über eine große Schleife nach München fahren auch nicht als „München“; son­dern mit dem Zwis­chen­halt „Stuttgart“ angezeigt … Bahn-Seman­tik, nicht immer zu ver­ste­hen.

Apphängigkeiten

Der Kon­trolleur schaut auf die Tick­ets und brabbelt hek­tisch los. Wir ver­ste­hen nur etwas mehr als den oblig­a­torischen Bahn­hof. Zwis­chen Per­pig­nan und Spanien sei die Bahn­strecke geflutet und deshalb fahren alle Züge nur bis Mont­pel­li­er. Die genauen Details und Hin­ter­gründe ver­ste­hen wir lei­der nicht. Was bleibt: Schock­starre! Es sei ein Bus­trans­fer geplant, wann und wie dieser ablaufe, kläre sich in Mont­pel­li­er.

Ger­ade rauschen wir mit 311 km/h durch Frankre­ich, jet­zt dro­ht ein Kol­ben­fress­er an der Mit­telmeerküste. Wir zück­en unsere Handys und nehmen unser Schick­sal selb­st in die Hand: Es fährt kein Zug, Fliegen kommt nicht in Frage und Räder haben wir auch keine dabei … bleibt nur des Deutschen Liebling: Das Auto. Per App wird ein Wagen gebucht. Über Lan­des­gren­zen hin­weg ist Ein-Weg-Mieten unbezahlbar (= vier­stel­lig), aber fünf Tage mit Rück­gabe an der­sel­ben Sta­tion kosten kaum 120 Euro.

Per Handy noch einen hafen­na­hen Park­platz gebucht und auf Google-Maps bere­its die Zieladresse eingegeben. So rollen wir in den Bahn­hof ein. Dass der Europ­car-Mitar­beit­er sich von einem frankre­ich­weit­en Aus­fall des Karten­zahlungssys­tems nicht aufhal­ten lässt, imponiert uns.

Und Gesellschaft hat­ten wir auch noch: Mar­lene und Mike. Eben­falls „Flu­topfer“ mit Ziel Barcelona. Sie sind seit Mon­tag unter­wegs, haben drei Tage Paris hin­ter und ein Jahr Ruck­sack­reise rund um die Welt vor sich. Da kommt stran­den in Mont­pel­li­er nicht in Frage.

Unter Tempolimit auf Zeit fahren

Die bei­den erzählen von ihrem bish­eri­gen Leben als Phys­io­ther­a­peuten in Salzburg, dass sie ges­part und ihre Woh­nung für ein Jahr ver­mi­etet haben. Bis Sylvester in Mexiko Stadt sei die Reise geplant, ab dann gehe es per Lust und Laune weit­er. Wir kön­nen uns nicht eini­gen, was das größere Aben­teuer sei, die Welt mit Ruck­sack zu bereisen oder Mal­lor­ca ohne Flieger zu erre­ichen?

Mar­lene und Mike gehen auf Wel­treise – wir wollen nur nach Malle.

Jet­zt steck­en wir jeden­falls im gle­ichen Schla­mas­sel und steuern bei Dunkel­heit und unter Zeit­druck aus der Metro­pole her­aus. Gle­ichzeit­ig kalkulieren wir, dass wir kaum 30 Minuten Puffer haben, wenn wir die vom Navi errech­nete Ankun­ft mit der Abfahrt der Fähre ver­gle­ichen. Wir entschei­den uns, gnaden­los am Tem­polim­it zu fahren: Innerorts wie auf der Auto­bahn. Ein Pinkel­stopp in den Aus­läufern der Pyrenäen und etwa zwei Stun­den später passieren wir Girona.

Völ­lig fix­iert aufs Tim­ing, mit­tler­weile doch recht müde und angesichts der Dunkel­heit, bekom­men wir wenig von der Land­schaft mit. 22.01 Uhr fahren wir in Barcelona ein, tun uns trotz Navi schw­er, das Parkhaus zu find­en. Es stellt sich her­aus, dass es sich um ein kleines Hotel han­delt, das uns einen Rest­platz in der eige­nen Tief­garage verkauft hat. Zähe Minuten der Suche und des Ein­parkens.

Dann ein Sprint zum Hafen. Zehn Minuten vor Board­ingschluss ste­hen wir auf dem Deck der Fähre und schauen auf die erleuchtete Alt­stadt von Barcelona…

In Teil 2 erfahrt ihr, ob und wie die Reise weit­erge­ht!