Mit dem Lenker in die Röhre (schauen)

Wie der Men­sch, so der Lenker: Wir waren nach einem Sturz mit einem Car­bon­rennlenker im Com­put­er­to­mo­graphen. Welche Schä­den sieht man da? Ein Reise­bericht mit Diag­nose!

Text: pro­tokol­liert von Gun­nar Fehlau, Fotos: Kay Tkatzik

Car­bon­bauteile sind das Mit­tel der Wahl, wenn man leichte und schnelle Bikes haben will. Ob Rah­men, Gabel, Fel­gen, Lenker oder Sat­tel­stütze und einzelne Parts ander­er Kom­po­nen­ten: Fast jedes Teil gibt es heute auch in ein­er Car­bon­ver­sion. Kohlen­stoff­faserver­stärk­ter Kun­st­stoff, wie das Mate­r­i­al eigentlich heißt, ist sehr leicht und erlaubt eine belas­tungs- und auf­gaben­spez­i­fis­che For­mge­bung und Mate­rialdimen­sion­ierung.

Das erk­lärt die Erfolge von Car­bon­bauteilen. Mit extrem klein­teili­gen Arbeitss­chrit­ten, präzisen Belege­plä­nen und penibler Qual­ität­skon­trolle entste­hen handw­erk­liche und funk­tionelle Meis­ter­w­erke. Das erk­lärt die mitunter schwindel­er­re­gen­den Preise.

Damoklesschwert Vorschädigung

In der Prax­is überzeu­gen Car­bon­bauteile mit ein­er nahezu unbe­gren­zten Lebens­dauer, sofern die Belas­tun­gen im grü­nen Bere­ich entsprechend der während des Entwick­lung­sprozess­es angenomme­nen Werte bleiben. Auf Über­las­tung reagiert Car­bon allerd­ings „aller­gisch“: Ein­mal vorgeschädigt, wird es ohne eine Reparatur nie wieder die ursprüngliche Qual­ität erhal­ten.

Deshalb ist Vor­sicht geboten: Während met­allis­che Rah­men eine recht ver­lässliche Sichtkon­trolle erlauben, weil Beulen, Löch­er, Risse oder Ros­t­furchen sicht­bare Warnsignale sind, kann ein Car­bon­bauteil nach außen voll­ständig intakt sein und sich innen bere­its „in der Auflö­sung“ befind­en.

Schlim­mer noch: Car­bon neigt zum ver­gle­ich­sweise abrupten Bruchver­hal­ten, während etwa Alu- oder Stahlrah­men meist erst biegen, anreißen und ein „irgend­wie merk­würdi­ges“ Fahrver­hal­ten bekom­men. Dem sen­si­blen Fahrer geben sie so die Chance, schnell zu brem­sen, abzusteigen und den Defekt zu suchen, anstatt direkt zu stürzen.

Privattermin

Was also tun nach einem Sturz? Bedi­enungsan­leitun­gen machen in der Regel recht vage Aus­sagen und empfehlen, das Bauteil schon bei ger­ing­sten Zweifeln auszuwech­seln. Als Her­steller sagt sich das leicht, aber als Kunde schmerzt das allzu schnell im Geld­beu­tel!

So erg­ing es auch Fahrzeit-Fotograf Kay Tkatzik: Nach einem leicht­en Sturz mit seinem Grav­el-Ren­ner war er sehr verun­sichert, ob der Lenker – optisch noch ein­wand­frei, einzig das Lenker­band war hin – nicht doch „einen abbekom­men hätte“. Weit­er­fahren oder entsor­gen? Die Lösung kam über einen Bekan­nten in Bay­ern. Der hat Zugang zu einem Com­put­er­to­mo­graphen (CT), „und der zeigt dir genau, ob da ein ver­steck­ter Riss ist“, war er überzeugt.

Ein Tele­fonat später stand der Ter­min – der Lenker hat­te qua­si Pri­vatver­sicherten­sta­tus.

Mulmiges Gefühl

Zusam­men mit seinem verun­fall­ten SL-70 Aero“ von Zipp (stolze 334 Euro an der Laden­theke) betritt Kay das radi­ol­o­gis­che Labor. Angesichts des Behand­lungssaals wird er etwas demütig: „Wer hier auf dem Tisch in den großen Bogen des Com­put­er­to­mo­graphen geschoben wird, bei dem geht es nicht sel­ten um Leben oder Tot, um Krebs oder nicht. Wie egal und pro­fan ist dage­gen mein Lenker?“ Und doch ist dies die einzige Möglichkeit, einen fol­gen­schw­eren Sturz wegen plöt­zlichen Mate­ri­alver­sagens auszuschließen.

Der Winkel muss stimmen

Der Mitar­beit­er tut sich zunächst schw­er, den Lenker richtig zu fix­ieren. Aber nach etwas Pro­bieren geht es dann doch recht schnell: „Kaum zehn Sekun­den und auf dem Mon­i­tor baut sich langsam ein erstes Abbild des Lenkers auf und kurz danach haben wir bere­its ein Schicht­en­mod­ell des SL-70.“ Aus diesen Schicht­en wird im Anschluss ein 3D-Bild rekon­stru­iert.

Kunstverständnis


Als Laie bist du ein­er­seits vom Bild fasziniert, ander­er­seits auch ent­täuscht: Das ist so klar, fast wie gemalt und du erkennst außer den Umris­sen des Lenkers gar nichts!“, erzählt Kay. „Im gle­ichen Moment doziert der Mitar­beit­er bere­its über fein­ste Details und Schat­tierun­gen. Es ist wie bei Dunkel­heit: Deine Auge müssen sich daran gewöh­nen, dann siehst du doch sehr viel, genau wie bei einem mono­chromen Bild von Yves Klein.

Schrecksekunde

Plöt­zlich betritt der Chef den Raum. Er hat­te keine Ahnung, was hier in der Mit­tagspause passiert! Doch statt einen Rüf­fel zu erteilen, ist der Wis­senschaftler in ihm geweckt. Er lässt sich alles über Lenker, Lenkerkon­struk­tion und unseren Unter­suchungsauf­bau erk­lären. Er schlägt sog­ar vor, nach Feier­abend am Ultra­schall ergänzende Unter­suchun­gen durchzuführen.

Das Ange­bot nehmen wir neugierig an! Und ler­nen noch ein paar Tricks: Ein wasserge­füll­ter und mit Kon­tak­t­gel eingeschmiert­er Ein­weghand­schuh sorgt (laien­haft gesagt) für aus­re­ichend Luftab­schluss zwis­chen dem Ultra­schal­lkopf und dem Lenker. Der hochfre­quente Schall geht nun durch das Wass­er im Hand­schuh und wird vom Lenker reflek­tiert und bei Uneben­heit­en der Ober­flächen gibt es min­i­male Abwe­ichun­gen, aus denen sich Schlüsse ziehen lassen.

Ohne Ref­eren­zen arbeit­en

Das Prob­lem für bei­de Fach­män­ner ist, dass ihnen Ref­erenz­bilder von einem unbeschädigten Lenker fehlen, um im Ver­gle­ich mögliche Schä­den erken­nen zu kön­nen. Den­noch kom­men sie zu einem Ergeb­nis: Es gibt einen min­i­malen Struk­tur­riss an Ober­fläche, nahe der Klem­mung. Ein Bruch an dieser Stelle kann darum niemals voll­ständig aus­geschlossen wer­den.

Die Ver­mu­tung: Der Lenker ist entwed­er unsachgemäß gek­lemmt (also mon­tiert) wor­den, oder hat beim Sturz in diesem Bere­ich Schaden genom­men. Trau­riges Ergeb­nis dieser span­nen­den Fahrt in die Röhre: Der Lenker wird aus­ge­mustert.