Alles Mullet, oder was?“ – 1 Laufrad, 2 Größen: Teil 2

Drei Fahrer, drei Fahrstile, drei unter­schiedliche Streck­en. Eine Mis­sion: Zipp „3Zero Moto“ als Wag­gon Wheel (29 Zoll sorten­rein) oder Mul­let (29 Zoll vorn, 27,5 Zoll hin­ten). Das ste­ht für heute auf dem Pro­gramm.

Text: Arne Bischoff / Fotos: Luka Gor­jup, Lux Fotow­erk

Fahrer Nr. 1: Cornelius Hoberg

Ein typ­is­ch­er Hoberg: Fokussiert, quer, in der Luft. Wal­ter Röhrl würde nach einem Auto­gramm fra­gen.
  • Fahrstil: Der Rac­er. Kom­pro­miss­los, aggres­siv, immer die schnell­ste Lin­ie, ein Antritt, um Wurzeln aus dem Boden zu reißen.
  • Fahrrad: Nico­lai Sat­urn 14
  • Fahrw­erks­set­up: Straff. Gabel ca. 20 Prozent Sag, schneller Rebound, viel Druck­stufe. Hin­ter­bau ca. 25 Prozent Sag. Reifendruck 1,8 bar (vorn) und 1,9 bar (hin­ten).
  • Fahrstrecke: Unsere tech­nisch anspruchsvoll­ste Test­strecke. Viele hän­gende Pas­sagen (Off-Cam­ber), lose und feuchte Wurzeln, schmal, steil und stel­len­weise aus­ge­set­zt, viele enge Kur­ven und harte Rich­tungswech­sel

Schnell­ste Fahrzeit 29 Zoll: 3:04 Min.
Schnell­ste Fahrzeit „Mul­let“: 3:09 Min.
Dif­ferenz schnell­ste zu langsam­ste Zeit: zehn Sekun­den

In solchen Pas­sagen ver­mit­telt Mul­let viel Sicher­heit.

Connys Mullet-Fahr-zit

Für Cor­nelius (Con­ny) sind hier zwei Dinge über­raschend. 1. Wie wenig Anpas­sungss­chwierigkeit­en er an Mul­let hat­te und wie wohl er sich auf dem gemis­cht­en Set­up fühlt. 2. Con­ny fühlte sich damit zumin­d­est in den tech­nis­chen Sek­tio­nen schneller, tat­säch­lich war er aber der einzige in unserem Test, der auf 29 Zoll aus­nahm­s­los niedrigere Zeit­en fuhr.

Seine Analyse: „Mul­let fühlt sich schneller an, 29 ist schneller. Mul­let erlaubt engere Kur­ven­ra­di­en, leichteres Ein­lenken und ermöglicht es damit, die gewün­schte Lin­ie präzis­er und sauber­er zu tre­f­fen, ger­ade wenn sie tech­nisch schwierig ist.“

Außer­dem ist es für ihn leichter zu beschle­u­ni­gen. Er bestätigt aber auch die Annahme, dass 29 bess­er das Tem­po hoch hält, obwohl es anstren­gen­der zu fahren ist. Und so kon­nte er am Ende mit dem schwieriger zu fahren­den Set­up schneller sein. Cor­nelius’ Bot­tom-Line: Für ihn zählt als Maßstab die Uhr.

Sein Test-Track kam durch seinen win­kli­gen Charak­ter dem Mul­let-Bike ent­ge­gen, trotz­dem war Con­ny auf 29ern schneller. Kon­di­tionell oder fahrtech­nisch weniger starke Fahrer oder Men­schen mit gerin­ger­er Kör­per­größe, so schätzt er, kön­nten aber von der 29/27,5‑Kombi prof­i­tieren, da sie mit weniger Kraftaufwand und ein­fach­er zu fahren sei.

Voll­gas im Auf­trag der Wis­senschaft. Äääh… fahrzeit!

Eins hat sich Con­ny fürs Faz­it noch aufge­hoben. Die Rad-Reifen-Kom­bi­na­tion, v. a. aber die gezielt flex­i­ble 3 Zero Moto-Felge, ver­mit­telt ger­ade in hän­gen­den Pas­sagen sehr viel Sicher­heit, ist angenehm zu fahren und hält die Lin­ie länger als ver­gle­ich­bare Car­bon- oder Alu-Fel­gen, ohne zu stem­peln. Das in eini­gen Online-Foren als zu hoch kri­tisierte Gewicht tritt vol­lkom­men in den Hin­ter­grund.

Fahrer Nr. 2: H. David Koßmann

Der beste Weg an den Steinen vor­bei? Oben­drüber. H. David Koß­mann in Aktion.
  • Fahrstil: Der Spiel­er. Sucht seine Lin­ien nach Spaß­fak­tor aus, zieht gern an Wurzeln ab und fährt Kur­ven wo eigentlich keine sind.
  • Fahrrad: Can­non­dale Habit
  • Fahrw­erk und Set­up: Ten­den­ziell kom­fort­a­bel. Ca. 30 Prozent Sag vorn und hin­ten. Bot­tom­less Tokens. Reifendruck: 1,3 bar (vorn), 1,6 bar (hin­ten)
  • Fahrstrecke: Im oberen Drit­tel tret­inten­siv über Wurzeln, danach deut­lich steil­er, offene Pas­sagen, schnelle Kur­ven, zwei kleine Ste­in­felder und zum krö­nen­den Abschluss ein Wiesenslalom.

Schnell­ste Fahrzeit 29 Zoll: 3:59 Min.
Schnell­ste Fahrzeit „Mul­let“: 4:00 Min.
Dif­ferenz schnell­ste zu langsam­ste Zeit: fünf Sekun­den

Wurzeln sind Davids ständi­ger Begleit­er.

Davids Mullet-Fahr-zit

Für David fühlten sich bei­de Setups gle­ich schnell an. Und genau das war auch der Fall. Seine Zeit­en sind nahezu iden­tisch. Nur fünf jäm­mer­liche Sekun­den tren­nen schnell­ste und langsam­ste Zeit und die eine, einzige Sekunde zwis­chen seinen Bestzeit­en liegt im Bere­ich der Messtol­er­anz unseres Ver­such­sauf­baus.

Vom Fahrge­fühl waren die Unter­schiede für ihn deut­lich größer, das kleine Hin­ter­rad als solch­es spür- und erkennbar, gefühlt „klein­er, steifer, härter“ und nicht angenehm.

Sein Rad fuhr sich im sorten­reinen Set­up ein­fach har­monis­ch­er und kom­fort­abler, damit let­ztlich angenehmer. Und das, obwohl er zugibt, dass sich Mul­let leichter ein­lenke und bess­er aufs Hin­ter­rad gehe.

Fahrer Nr. 3: Arne Bischoff

Der Autor denkt sich: „Fall – the rad­dest of all!“
  • Fahrstil: Der Saubere. Wählt Lin­ien nach Ele­ganz und Effizienz. Ist nur schnell, wenn er sich sich­er fühlt. Hat das Spie­len bere­its 1991 aufgegeben, nach­dem er Mon­key Island 2: LeChuck’s Revenge durch hat­te.
  • Fahrrad: Nico­lai Ion G‑15
  • Fahrw­erks­set­up: Gabel straff und eher schnell (20 Prozent Sag, Tokens, wenig Rebound), Hin­ter­bau weich­er und deut­lich langsamer (35 Prozent Sag, Vol­u­men-Spac­er, viel Rebound). Reifendruck: 1,75 bar (vorn) und 1,9 bar (hin­ten).
  • Fahrstrecke: Keuch­hus­ten. Lang, im oberen Teil flach, ver­winkelt und ver­wurzelt. Mit­tel­teil offene Kur­ven durch alte Gräben, weit­er wurzelig am Ende viele schnelle Kur­ven und sehr viel Treten.

Schnell­ste Fahrzeit 29“: 4:01 Min.
Schnell­ste Fahrzeit „Mul­let“: 3:56 Min.
Dif­ferenz schnell­ste zu langsam­ste Zeit: 16 Sekun­den

Im oberen Streck­en­ab­schnitt des MSB-X-Trail ist es „dank“ des Borkenkäfers sehr licht gewor­den.

Arnes Mullet-Fahr-zit

Als Autor erlaube ich mir einen Stil­bruch und wech­se­le aufs „ich“. Das „kleine“ Hin­ter­rad ist schon auf den ersten Ped­alum­drehun­gen zu bemerken. Es fühlt sich steifer an und ist defin­i­tiv leichter zu beschle­u­ni­gen.

Aber ich mag das Gefühl von Asym­me­trie nicht. Gar nicht. Das mag sich mit der Gewöh­nung geben, aber ad hoc nervt es. Auf dem wurzeli­gen oberen Teil bleibe ich mit Mul­let mehr hän­gen, als mit 29 Zoll. Das nervt mich. Im kurvi­gen Mit­tel­teil dann die Mul­let-Ver­söh­nung, die Radi­en sind enger, das Rad lässt sich bess­er in die Kurve drück­en.

Rand­no­tiz: Ich kann eine Nuance später und härter brem­sen. Der kleinere Fel­gen­durchmess­er sorgt für weniger Hebel­wirkung, die Brem­skraft ist unmit­tel­bar da. Der Schluss meines Test-Tracks kommt Mul­let mit seinen vie­len Kur­ven und Antrit­ten ent­ge­gen.

Als ich am Ende des let­zten Runs auf die Stop­puhr drücke, wird mir kurz schwarz vor Augen, ich habe hier wirk­lich alles gegeben. Hurt­box. Und ich weiß, dass Mul­let schneller war.

Das Ende

Was bleibt?

1. Zwei Test­fahrer haben ihre schnell­sten Zeit­en auf 29 gefahren.
2. Bei zwei Test­fahrern liegen die gefahre­nen Zeit­en sehr eng beieinan­der.
3. Alle drei Test­fahrer bevorzu­gen für sich per­sön­lich 29.

Drei Reifendrücke auf einem Blick? Kein Prob­lem mit Tyrewiz.

Und nun? Ist das alles Quatsch mit diesem Mul­let? Ein neuer Indus­trie-Hype, kün­stlich gepusht durch Wer­beagen­turen und „Was-mit-Medien“-Menschen?

Nun … zunächst hat unser Test natür­lich method­is­che Makel. Ein Tag ist sehr wenig Zeit. Drei Streck­en sind gut, v. a. weil sie abwech­slungsre­ich und als Renn-Stages auch rel­e­vant sind, mehr unter­schiedliche Streck­en wären bess­er gewe­sen. Zudem: Drei Män­ner über Eins-achtzig.

Die ver­schwitzten Tester. Ein­er has­st es, fotografiert zu wer­den. Guess who!

Trotz­dem: Unser Test hat Aus­sagew­ert. Alle Tester sind sich einig, Mul­let lenkt sich leichter ein, das Rad ist ein­fach­er zu fahren. 29 hinge­gen trägt den Speed.

Die Unter­schiede sind sig­nifikant und erfahrbar, auch wenn sie sich nicht bei allen Testern gle­icher­maßen in deut­liche Zeit­d­if­feren­zen über­set­zen. Unsere Grun­dan­nah­men wur­den bestätigt.

Und wie auch anders. Am Ende ist die Physik durch tech­nis­che Errun­gen­schaften nicht außer Kraft zu set­zen.

Ger­ade für Men­schen bis 175 cm Kör­per­größe oder 27,5‑Fahrer, denen reine 29er bish­er immer zu wuchtig, zu unhan­dlich, zu groß waren, kön­nte Mul­let eine Rev­o­lu­tion bedeuten. Das Über­rol­lver­mö­gen und die Fahrsicher­heit des großen Vorder­rades plus bessere Kur­ven­fahrt und Beschle­u­ni­gung dank kleinem Hin­ter­rad.

Ist Mul­let deshalb bess­er? Natür­lich nicht. Für jeden Topf gibt es einen Deck­el, heißt es. Und der 29er-Deck­el wird nach wie vor für viele Bik­er per­fekt passen.

Alles Mul­let, oder was? Keine Ahnung, erst­mal einen Clif­bar!

Die Spielwiese ist eröffnet

Grund­sät­zlich eignen sich – solange es ab Werk noch wenige fer­tige Mul­let-Bikes gibt – 29er Hard­tails oder Fullys gut als Basis für einen Vokuhi­la. Gegenüber der Serien­ge­ome­trie verän­dern sich durch das kleinere Hin­ter­rad vor allem Lenk- und Sitzwinkel (flach­er) und Innen­lager­höhe (niedriger).

Alles, was man dazu braucht, ist ein neues Hin­ter­rad mit­samt Reifen. Auch 27+ kann als Basis für einen Mul­let-Umbau dienen, hier würde man ein 29-Zoll-Vorder­rad ein­set­zen. Dabei gilt es, strikt darauf zu acht­en, ob die Fed­er­ga­bel den größeren Vorder­rad­durchmess­er erlaubt.

Auch in diesem Fall wer­den Lenk- und Sitzwinkel im Ver­gle­ich zur Serie flach­er, die Innen­lager­höhe steigt aber. Räder mit ohne­hin hohem Innen­lager eignen sich also eher nicht für einen Umbau, da son­st die Kur­ven­dy­namik lei­det. Bikes mit 27,5‑Zoll-Werksausstattung sind keine opti­male Basis für einen Mul­let-Ver­such.

Man braucht nicht nur ein neues Vorder­rad, son­dern gle­ich eine neue Fed­er­ga­bel, da die 27,5er-Gabel den größeren Reifen eher nicht aufn­immt. Dadurch fall­en die Winkelverän­derun­gen sehr deut­lich aus, eben­so die Innen­lager­an­hebung. Diese Rich­tung ist also teuer und wenig sin­nvoll.

Für alle Ear­ly-Adopter, Tin­ker­er und Bastler mit einem 29er als Basis gilt: Warum nicht?! Vielle­icht kann man sich ja ein entsprechen­des Hin­ter­rad ein­fach mal lei­hen. Pro­bieren geht über Studieren.

Wer Gefall­en daran find­et, bekommt bei ZIPP-Laufräder und ‑Fel­gen einzeln, bei Stan’s Notubes gibt es ohne­hin immer die Möglichkeit, sich mit Wun­schfelge, Nabe und Spe­ichen das Laufrad der Wahl aufzubauen.

Der Autor hat Spaß.

Für alle, die lieber warten: Die Wartezeit dürfte kurz sein. Im E‑MTB-Bere­ich ist Mul­let längst eine fest etablierte Spielart, beim Bio-MTB kom­men aktuell die ersten Serien­räder auf den Markt.

Schön, wenn man die Wahl hat!

Post­scrip­tum des Autoren: „Unglaublich! Ich habe meine neue Reifenkom­bi gefun­den. Nach vier Jahren auf mein­er treuen Spe­cial­ized-Kom­bi­na­tion und end­losen Reifenkom­bi­na­tio­nen, die ich beru­flich aus­pro­biert habe. Der WTB Judge am Hin­ter­rad rollt für seine sta­bile Karkasse sagen­haft gut und der WTB Ver­dict am Vorder­rad ist ein­fach ein tolles Grip­mon­ster. Ich bin ver­liebt.“

Zum Anbeißen: Meine neuen WTB-Reifen und ich.

Hier geht es zu Teil 1.