Foto: Rudi Wyhlidal

Herr Gondelführer, einmal Everest bitte!“ – Anti-Everesting Teil 1

Text: Gun­nar Fehlau // Fotos: Rudi Wyh­li­dal

Prolog

Ever­est­ing ist in aller Munde: Bin­nen 24 Stun­den durch stetige Wieder­hol­un­gen an beliebi­gen Orten 8.848 Höhen­meter fahren und somit gefühlt das Dach der Welt erk­lim­men.

Das ist Fahrzeit.si Autor Gun­nar Fehlau und seinen Söh­nen viel zu anstren­gend. „Warum fahren wir die 8.848 Meter nicht ein­fach bergab?“, meint Sohn Moritz (16 Jahre) und sein Brud­er Oskar (17 Jahre) liefert direkt einen Streck­en­vorschlag: „Wenn wir in Sölden fahren, dann haben wir Gondeln und brauchen nur noch tal­wärts zu ballern, bis wir den Mount Everst zusam­men­hab­en.“ „Das schaf­fen wir lock­er“, schiebt Moritz nach.

Drei Män­ner, eine Mis­sion: 8848 Meter bergab, nicht bergauf! Foto: Rudi Wyh­li­dal

Freitag, 12:23 Uhr, 0 Tiefenmeter: Locker ist gar nicht so locker

Vier Wochen später ste­hen wir an der Tal­sta­tion der Gig­gi­jochbahn. Es ist Fre­itag um 12:23 Uhr. Noch sieben Minuten bis unser „Anti-Ever­est­ing“ startet. Die Selb­st­sicher­heit ist ver­fol­gen.

Denn eines ist uns nach den ersten sach­lichen Kalku­la­tio­nen klarge­wor­den: Unser Anti-Ever­est­ing wird kein Kinder­spiel. Wenn wir die Höhen­meter kom­plett an die Lifte out­sourcen wollen, dann haben wir kaum neun Stun­den, um die 8.848 Tiefen­meter zusam­men­zubekom­men.

Gegessen wird in der Gondel! So wird keine Zeit ver­loren. Foto: Rudi Wyh­li­dal

Wir müssen also max­i­male Fahrzeit aus den Lift­stun­den von 8:30 bis 16:45 Uhr her­aus­holen. Deshalb fahren wir von Mit­tag bis Mit­tag, so fall­en die Essens- und Schlafzeit­en nicht in die Gondel­stun­den und wir kön­nen in zwei Teilen zwei Mal kon­tinuier­lich fahren.

Pausen sehen wir keine vor: „Wir essen und trinken während der Gondelfahrten!“, legt Moritz fest. Unsere wichtig­sten Part­ner klick­en wir direkt am Lenker fest: Die GPS-Geräte „Mega XXL“ von Lezyne liefern uns alle wichti­gen Dat­en, damit wir auch ja keinen Tiefen­meter ver­passen. Die Jagd kann also begin­nen.

Den Tacho immer im Blick. Foto: Rudi Wyh­li­dal

Freitag, 12:32 Uhr, 10 Tiefenmeter

Wir ste­hen an der Ein­fahrt zur Harbe-Line auf 2.275 Metern. Ein erster Ped­al­tritt und wir kom­men auf Reisegeschwindigkeit. Runter immer, aufwärts Nim­mer! Wir ballern Rich­tung erster Haar­nadel-kurve.

Die Jungs sind schnell und ich muss sehen, dass ich dran­bleibe. Auf den seicht­en Wellen an der Aus­fahrt zum Dorf Hochsölden zieht Moritz vor­weg­fahrend das Tem­po nochmals an. Respekt!

„Wer es eilig hat, soll es ruhig ange­hen“ kommt mir in den Sinn. Wir haben gute zehn Minuten ver­loren! Foto: Rudi Wyh­li­dal

Dann zeigt die Harbe-Line, wer der Herr im Ring ist: An der vor­let­zten Welle kann Moritz die dynamis­chen Kräfte nicht mehr abfan­gen und bekommt sein Bike bis zur let­zten Welle vor der kleinen Holzbrücke nicht mehr unter Kon­trolle. Der kleine Buck­el hebelt ihn sehr foto­gen aus.

Reich­lich ver­staubt und mit einem gehöri­gen Schreck­en im Gesicht liegt er vor uns. Er berap­pelt sich schnell, Schon­er sei Dank ist nichts ern­stes passiert. Die alte Marathon­is­ten-Weisheit „Wer es eilig hat, soll es ruhig ange­hen“ kommt mir in den Sinn. Wir haben gute zehn Minuten ver­loren!

Freitag, 13:45 Uhr, 1.888 Tiefenmeter

Nach einem schnellen Durch­lauf der Kom­bi­na­tion aus Harbe‑, Gahe- und Let­tn-Line (je Abfahrt sat­te 932 Tiefen­meter) kommt die Zuver­sicht zurück: „Alles fahrbar, alles mach­bar!“ meint Moritz. Dann meldet sich Oskar, oder bess­er sein Rad: Es klap­pert merk­würdig!

Gut, dass es in Sölden mehr Radlä­den gibt als in ein­er mit­tleren Großs­tadt. Doch alle haben bis 14.30 Uhr geschlossen und zwin­gen uns eben­falls zu ein­er Mit­tagspause. Wir fol­gen den Strö­men der ein­heimis­chen Handw­erk­er in einen Super­markt.

An dessen Wurst­theke gibt es für einen schmalen Taler vorzügliche belegte Brötchen, die Bauar­beit­er satt machen! Dazu eine Cola und fünf Minuten bevor der Rad­laden wieder öffnet, ste­hen wir vor der Tür. Und fünf Minuten später preschen wir mit einem repari­erten Bike zurück zur Gig­gi­joch-Tal­sta­tion.

Während der Gondelfahrt besprechen wir das weit­ere Vorge­hen: „Wir müssen jet­zt am Lim­it Tiefen­meter machen und eine Punk­t­landung um 16:45 Uhr hin­le­gen, um mit der let­zten Gondel noch ein­mal hochz­u­fahren“, kalkuliert Oskar.

Foto: Rudi Wyh­li­dal

Not­falls kön­nten wir noch per Auto selb­st eine Auf­fahrt machen und den Wagen nach den 24 Stun­den schweißtreibend abholen, schlage ich vor. „Die Befahrung der Routen ist so spät am Tag aber nicht erlaubt“, räumt Moritz ein.

Freitag, 16:27 Uhr, 3.600 Tiefenmeter: Bergzeitfahr-Modus

Heute ist der Aus­lauf der Let­tn-Line zur Tal­sta­tion ges­per­rt. Die Umleitung über Wirtschaftswege kostet Zeit und bringt keine zusät­zlichen Tiefen­meter. „Mist“ fluche ich in mich hinein.

Selb­st bei Ortsken­nt­nis, die wir nach den bish­eri­gen Durch­läufen haben, lässt sich hier keine Zeit mehr raus­holen. Es sei denn, man riskiert, in eine Kuh, andere Bik­er oder spie­lende Kinder zu rasen … wir rollern die let­zten Meter der Abfahrt und damit ent­fer­nt sich unser Ziel weit­er und weit­er.

Lass knallen! Foto: Rudi Wyh­li­dal

Lass knallen“, schre­it Oskar mir ent­ge­gen und kann sich kaum gegen den Lärm von Fahrtwind und auf­peitschen­den Steinen durch­set­zen. Die Sport­skanone unter uns fordert mehr Tem­po.

Wir müssen die let­zte Gondelfahrt schaf­fen, son­st lassen wir heute knapp 1.000 Tiefen­meter liegen, die wir am näch­sten Vor­mit­tag nicht mehr rein­holen wür­den.

Freitag, 16:23 Uhr, 3.786 Tiefenmeter

Geschafft“, freut sich Moritz in der Gondel und trinkt den Rest sein­er Cola. Dazu gibt es noch ein paar Ener­gy Chews Bloks von Clif Bar … der Junge meint es ernst! Und bei mir wird es auch langsam ernst.

Da hil­ft nur noch die Blok-Riegel-Kom­bi. Foto: Rudi Wyh­li­dal

Die bish­eri­gen Abfahrten haben mir schon mächtig zuge­set­zt. Von wegen „es geht nur bergab und man müsse nichts tun“. Das ständi­ge Ste­hen in der Grund­hal­tung, die vie­len Zwis­chen­sprints, um wieder auf Tem­po zu kom­men und dabei stetig Schw­er­punkt, Auf­s­tand­slin­ie und dynamis­che Kräfte auszubal­ancieren, kostet mehr Körn­er als gedacht.

Obwohl wir die let­zte Abfahrt für heute lock­er­er ange­hen lassen, schmerzen Waden und Ober­arme bere­its merk­lich.

Freitag, 18:37 Uhr: Dinner auf 4.716 Metern

Pause und endlich durch­schnaufen. Nach ein­er aus­giebi­gen Dusche gibt es ein ordentlich­es Essen und dann schnell ab ins Bett. Die Pla­nung für den näch­sten Tag ste­ht: Wir müssen bis 12.30 Uhr noch über 4.000 Tiefen­meter machen. Guten Nacht und bis Mor­gen!

Tag 1 ist durch! Mor­gen muss der Gashahn nochmal aufge­dreht wer­den. Foto: Rudi Wyh­li­dal