Leben in den kleinen Felsen

Zeit zum Fahren... in der sächsischen Schweiz

Text & Fotos: Alex Giebler

Willi ist 11 Jahre alt und am lieb­sten schläft er im Bul­li. Den hat Papa aus­ge­baut und auch noch an genü­gend Platz für den Hund gedacht. Wie so viele Kinder in seinem Alter, lässt er sich gerne Treiben und pro­biert gerne Neues aus. Auch fährt er noch selb­stver­ständlich mit den Eltern in den Urlaub, vor allem wenn coole Aktiv­itäten in Aus­sicht ste­hen. So auch dies­mal. Bei einem gän­zlich unge­planten Bike‑, Klet­ter- und Wan­der­trip durch das Säch­sis­che und Böh­mis­che Felsen­ge­birge.

Ein som­mer­lich­er Aben­teuer-Trip in die Säch­sis­che und die Böh­mis­che Schweiz ste­ht an. Mal wieder grif­fi­gen Sand­stein an him­mel­ho­hen Wän­den bek­let­tern, Aus­ge­set­ztheit fühlen, Ner­venkitzel! Ich kann kaum zählen, wie oft ich dafür schon dort war, meist natür­lich mit Klet­ter­fre­un­den. Doch dies­mal fahre ich mit meinem Sohne­mann und dem Fam­i­lien-Vier­bein­er. Erster­er wiegt ger­ade 35 Kilo­gramm und let­zter­er 15. Selb­st wenn ich die bei­den aneinan­der schnürte, das Gegengewicht reichte immer noch nicht aus, um mich aus­re­ichend zu sich­ern. Auss­chweifende Klet­ter­touren wird es dies­mal also nicht geben. Doch darum geht’s ja dies­mal auch nicht.

In diesem Bul­li ist Platz für Alex, Willi, Hund und zwei Fahrräder.

Qual­i­ty Time mit dem Sohne bedeutet auch, dass ich die entschei­den­den Fra­gen ihm und nicht mir stelle: „Worauf hast Du Bock? Was nehmen wir mit? Wo genau geht’s hin?“ Seine Antwort über­rascht mich: „Lass uns ein­fach mal los fahren und dann entschei­den wir dort was wir machen.“ Der näch­ste Entwick­lungss­chritt ist da! Bish­er musste alles konkret durchge­plant sein, worauf wir uns im gemein­samen Urlaub freuen kön­nen. Nun liegt der Spaß im Unbekan­nten – und auch in der Gewis­sheit, dass die unge­planten Aktiv­itäten häu­fig zu den Besten wer­den.

Die Aus­rüs­tung ste­ht aber trotz­dem fest: Die Räder müssen unbe­d­ingt mit. Dazu ein wenig Werkzeug für die schnelle Reparatur. Auch baue ich schon­mal eine Bikepack­ing-Tasche an Willi’s Rad, denn früh übt sich. Und Klet­ter­schuhe. Man kann ja auch zusam­men Boul­dern. Festes Schuh­w­erk, Regen­klam­ot­ten. Ach komm, das Seil pack­en wir auch ein, denn wer weiß?

Ankom­men

In Zeit­en von #camper­life, #van­life und #awe­someview wird man vor­sichtiger, wenn es um das öffentliche Erwäh­nen grandios­er Orte mit vol­lkommen­er Ruhe und Schön­heit geht. Aber hier zieht es uns immer wieder als erstes hin: Klein­hen­ners­dorf, Wan­der­park­platz. Dieser ist völ­lig überdi­men­sion­iert, denn wir haben hier noch nie mehr als zwei Autos gle­ichzeit­ig gese­hen. Es gibt Kirschbäume und des Nach­bars Schafe, einen Blick auf den Son­nenauf­gang über den Schramm­steinen. Mehr braucht es nicht.

So lässt es sich aushal­ten. Beson­ders in der Hänge­mat­te.

Noch am Abend geht es auf dem Rad hoch zum Pap­st­stein. Das geht eine Weile ganz gut. Aber am Ende sind wir ziem­lich froh, dass unsere Räder so leicht sind. Denn oben raus wird es immer steil in der Säch­sis­chen Schweiz. Die Abend­sonne nehmen wir mit und dazu eine heiße Schoko­lade und ein Radler. Das Aben­dessen haben wir im Bul­li geplant, was clever ist. Denn die alte Aus­flugs­gast­stätte hat neue Betreiber und die Preise haben die Erdum­lauf­bahn ver­lassen.

Wir machen bewusst keine Pläne für den näch­sten Tag und spie­len stattdessen einige Par­tien Schach, freuen uns über die Ruhe, blöken ab und zu den Schafen zu.

Felsen zum Früh­stück

Am näch­sten Mor­gen sind wir uns einig: Wir wollen erst ein­mal tief ins Gebirge hinein. Es gibt da den Reit­stieg von Schmil­ka über die kom­plet­ten Schramm­steine hin­weg. Den ken­nen wir schon, der ist spek­takulär. Noch spek­takulär­er aber sind die schmalen Stiege, über die man zu ihm gelangt. Jet­zt ist es mal an der Zeit, alle miteinan­der zu verbinden. Lehn­steig hoch, Zwill­ingsstiege runter, Rotkehlchen­stiege wieder hoch, Bre­ite Kluft runter, und immer so weit­er.

Die Touris­ten-Hotspots wech­seln ständig mit absoluter Ruhe und Ein­samkeit.

Bizarre Fels­for­ma­tio­nen, dichter Mis­chwald und Kiefern wech­seln sich in los­er Folge ab. Wir hal­ten uns mit eini­gen Clif Bloks Moun­tain Berry über Wass­er. Die Dinger sind großar­tig doch nach gut sieben Stun­den wird der Hunger gewaltig und wir kom­men im Böh­mis­chen an. Heute lassen wir kochen. Knödel und Gulasch – der Klas­sik­er der Böh­mis­chen Küche. Nach dieser Mahlzeit sind wir vol­lends angekom­men und Willi begin­nt, den Plan für den näch­sten Tag zu schmieden. Wie geil ist es eigentlich, dass ich hier mit meinem Sohn abends im Bul­li camp­en kann, Biken und Klet­tern darf!

Clof Bloks sind ja schön und gut…aber nichts schlägt Knödel mit Gulasch.
Alles was das Licht berührt, gehört dir…oder so.

Bohemi­an Clas­sics

Es gibt da eine Hütte im Böh­mis­chen Nation­al­park, zu der man mit dem Auto hoch fahren kann. „Na Tokani“ heißt „Balzhütte“, weil sie schon vor über 200 Jahren als Jagdhütte, vornehm­lich auf balzende Auer­hüh­n­er, diente. Und sie ist ein Traum. Wer das Heimelige ein­er Berghütte in den Alpen zu schätzen weiß, fühlt sich hier sofort zu Hause. Als wir früh­mor­gens hier ankom­men, schnei­det die Küchen­crew schon die Zutat­en für das Abend­brot. Wir lassen den Bul­li ste­hen und nehmen die Bikes.

Fast schon kitschig, oder?

Unsere Tagesziele sind klar geset­zt: Wir sind hier nur einige Kilo­me­ter vom Grenzbach Kir­nitzsch und den alten Schleusen bei Hin­ter­herms­dorf ent­fer­nt. Noch schnell ein Blick auf die Karte und los geht’s! Auf her­rlichem Wald­bo­den und alten Forststraßen kom­men wir flott ins obere Kir­nitzschtal und auch hier müssen wir immer mal wieder die Fahrräder schul­tern.

Aben­teuer­modus an! Jede Abzwei­gung und jede Kurve führt in anderes Gelände und bietet neuen Unter­grund. So verge­ht die Zeit wie im Fluge und plöt­zlich sind wir schon wieder über sechs Stun­den unter­wegs.

Willi feiert seine Lenker­tasche, weil das so schön expe­di­tion­s­mäßig aussieht. Und irgend­wie ist es das ja auch ger­ade. Der Hund ist übri­gens froh um jeden Pfad, den wir schieben müssen! Heißer Tip: wegen der trock­e­nen Forstwege hat er „Wan­der­schuhe“ an, damit er sich nicht die Pfoten wund läuft. Wieder zurück in der Hütte gibt es Klas­sik­er der Böh­mis­chen Küche #2 und #3: Schnitzel mit Kroket­ten und Obstknödel mit reich­lich Vanille­soße und dazu Him­beer­limon­ade vom Fass.

Auf ver­schlun­genen Pfaden

Das wird irgend­wie eine richtige Klas­sik­er­tour, denn wir erre­ichen am fol­gen­den Tag eines der Wahrze­ichen des Böh­mis­chen Gebirges: Pravčická brá­na, das Pre­bis­chtor. Das muss natür­lich besichtigt wer­den. Doch mit Rädern ist das ganz schön rup­pig. Was etwas Schade ist, da wir uns ger­ade so gut einge­fahren haben.

Wir ver­steck­en also die Räder im Wald und freuen uns auf den Rück­weg und eine kleine Aben­drunde. Auf dem Hin­weg rei­hen wir uns nun zu Fuß in den Strom der Tages­touris­ten ein. Auch wir find­en diese mächtige Felsen­brücke ziem­lich beein­druck­end.

Das Pre­bis­chtor zieht viele Besuch­er an. Kein Wun­der!

Aber der Blick auf die Karte lässt uns den alten Gren­zweg ins Visi­er und sogle­ich unter die Füße nehmen. Viel zu voll ist es am Tor. Wir brauchen lange für diesen ver­wun­sch­enen Abschnitt, was allerd­ings eher an den Unmen­gen reifer Blaubeeren liegt.

Am Ende fol­gt noch ein klein­er Abstech­er in den Großen Zsc­hand, dahin, wo man von der deutschen Seite aus nun wirk­lich kaum mehr hinkommt. Gren­zge­bi­et, Nie­mand­s­land, Aben­teuer­land

Good Times Come to an End

Wir sind nun Wan­dern gewe­sen. Mit den Räder waren wir auch unter­wegs. Jet­zt liegen noch die Klet­ter­schuhe im Bus! Zum Boul­dern ist die Gegend rund um den Pfaf­fen­stein genial: Viele Blöcke mit gutem Absprunggelände. Dieses Felsen­labyrinth ist vor allem durch die Fel­snadel „Bar­barine“ bekan­nt, die allerd­ings schon seit den Fün­fzigern nicht mehr erklet­tert wer­den darf. Der Gipfel­block ist nicht mehr sta­bil genug.

Wan­dern, Rad­fahren, Erkunden…fehlt nur noch Klet­tern!

Wir verbinden also noch ein­mal alles, was uns so großen Spaß macht: Durch die Felder und Hochebe­nen geht es mit den Bikes von König­stein hoch und hinüber zum Pfaf­fen­stein. Immer über die Schot­ter­wege und durch die Weizen­felder. Schon sind wir am Fels! So erleben wir am Ende „die Säch­sis­che“ noch ein­mal sprich­wörtlich mit allen Sin­nen.

Der Stein ist so wun­der­voll rau und hat die unter­schiedlich­sten For­men. Man riecht den Weizen, den Wald und die mod­ri­gen Schlucht­en. Ein Specht und die Eichel­häher drän­gen sich ins Ohr und das Auge kann sich sowieso nicht satt sehen.

Schwierige Entschei­dung.

Auch mir tat es gut, nichts zu pla­nen und nichts zu erwarten. Es entspan­nt her­rlich, ein­fach darauf zu ver­trauen, dass uns immer was Span­nen­des ein­fällt und das Uner­wartete sich zum besten Erleb­nis entwick­eln kann. Für den näch­sten Trip hat Willi aber auch wieder einen konkreten Wun­sch: „Papa, das näch­ste Mal kön­nen wir hier ja mal richtig klet­tern gehen, mit Seil und so!“ Machen wir.

Ein­fach drau­f­los fahren – das kann man ruhig öfter machen.