Foto: Jana Zoricic

Loser? Ja gerne!

...warum Angst auch was mit Mut zu tun hat.

Text: Jana Zori­cic / Fotos: Jana Zori­cic, Sebas­t­ian Beil­mann

Angst ist mein täglich­er Begleit­er, auch wenn ich auf dem Moun­tain­bike sitze. Wie das zusam­men­passt? Über­haupt nicht. Aber der Angst jedes Mal aufs neue zu begeg­nen und zu entschei­den, ob man ihr nachgibt oder trotzt, hat auch was mit Mut zu tun. Eine Geschichte über Entschei­dun­gen, die man nicht immer frei­willig trifft.

Angst muss nicht immer schlecht sein. Schließlich beruht sie auf dem Instinkt, uns vor gefährlichen Sit­u­a­tio­nen zu schützen und die Wahrschein­lichkeit zu über­leben, zu max­imieren. Doch gerne ignori­ert man seine Instink­te, weil man Erwartun­gen entsprechen und seinen “Mut” beweisen will. Aber manch­mal ist es mutiger, der Angst zu glauben statt ihr zu trotzen.

Übermut tut selten gut

Let­ztes Woch­enende fand am Reschen­pass die Alpine Enduro Series statt. Das ver­an­lasste mich zu ein wenig Über­mut und dachte, dass ich meinen größten Panikaus­lös­er besiegt hätte: Ren­nen fahren. Mit meinem Part­ner das Enduro Ren­nen am Reschen­pass mitz­u­fahren schien mir eine gute Idee, um etwas entspan­nter an die Sache mit der Uhr her­an zu gehen.

Jahre­lang bin ich auf Down­hill-Ren­nen auf den hin­teren Plätzen rumgedüm­pelt oder musste abbrechen, in der Hoff­nung, dass die Angst vor der ver­nich­t­en­den Uhr irgend­wann wegge­ht und ich mich an die Belas­tung gewöhne. Irgend­wann war der Spaß weg und die Frus­tra­tion so groß, dass ich keine Ren­nen mehr fahren wollte. Das ist jet­zt fast genau 3 Jahre her.

Es gibt nur ein Prob­lem: Enduro ist nicht Down­hill. Wed­er besitze ich den Mut, so viele, anspruchsvolle Streck­en auf Zeit zu fahren noch die Fit­ness, zwei Tage am Stück Voll­gas zu geben.

Unter anderem habe ich Höhenangst – in alpinem Gelände bekomme ich nicht sel­ten etwas Ner­ven­flat­tern. (wie man sieht) Foto: Sebas­t­ian Beil­mann

Es ist, als wäre eine Mauer vor mir aufge­taucht, die ich unmöglich über­winden kann. Ich bleibe ste­hen, bekomme Schnap­pat­mung und breche in Trä­nen aus. Eine Sekunde vorher fahre ich noch meinem Part­ner auf dem „Haideralm-Trail“ im 3Länder Enduro Gebi­et hin­ter­her, motiviert mit ihm das Ren­nen im Duo zu fahren und damit vielle­icht meine men­tale Block­ade doch noch zu über­winden.

Da fahr ich nicht auf Zeit runter” – geknickt musste ich zugeben, dass ich dieser Her­aus­forderung nicht gewach­sen bin. Der Trail machte mir Angst.

Der größte Loser?

Nicht jed­er muss Ren­nen fahren kön­nen, es ist nicht schlimm, wenn du das nicht machen willst. Es bringt doch nichts, wenn du Angst hast” sagte mein Part­ner und ich war erle­ichtert. Nicht, weil er Recht hat­te son­dern weil ich wusste, dass ich dieses Ren­nen jet­zt nicht mehr fahren muss. Aber haupt­säch­lich habe mich gefühlt, wie der größte Los­er. So wie bei allen anderen Ren­nen zuvor.

Zu verkün­den, dass ich einen Rückzieher mache, nach­dem ich wochen­lang angekündigt hat­te, mit­fahren zu wollen, set­zte meinem Los­er-Gefühl noch die Kro­ne auf.

Aber die Angst war ver­flo­gen. Als wäre die Mauer zu Staub zer­fall­en, nie da gewe­sen. An diesem Woch­enende habe ich noch viele Abfahrten gemacht, viele High Fives verteilt und die Trails genossen. Also war ich gerne ein Los­er, auch wenn nie­mand das so sah, außer mir selb­st.

Doch das Gefühl, ver­sagt zu haben, ver­schwindet trotz­dem nicht. Ich ste­he beein­druckt am Start und Ziel der Alpine Enduro Series, wo sich die Teilnehmer*innen ein­rei­hen und auf ihren Start­block warten. Alle sind entspan­nt, haben ein Lächeln auf dem Gesicht, freuen sich auf die bevorste­hen­den Stages. Die Trails am Reschen­pass sind sehr anspruchsvoll und ich habe Respekt vor allen, die hier an den Start gehen. Mein Gefühl, eine Loserin zu sein, wird schlim­mer.

Katha­ri­na und Tim gehören zu der tol­lküh­nen Sorte – und haben in der Duo-Kat­e­gorie Platz 3 abges­taubt.

Loser? Ja, gerne!

Doch am let­zten Tag ruft mich mein Part­ner plöt­zlich an, er sei gestürzt und ob ich ihn abholen könne. Ich sprinte zum Auto, fahre los zur anderen Tal­sta­tion. Er hat sich nach einem bösen Sturz irgend­wie alleine den Berg herunter geschleppt, nach­dem ihm im Wald kein­er helfen wollte. Kurz darauf hat­te er einen Kreis­laufkol­laps und der Kranken­wa­gen war unter­wegs.

Glück­licher­weise kon­nte ich ihn nach 2 Stun­den (abge­se­hen von einem stat­tlichen Hämatom an der Hüfte) unbeschadet aus dem Kranken­haus wieder abholen. Meine Intu­ition hat­te Recht: ich hätte mir wahrschein­lich noch schlim­meres getan und hätte so nicht für meinen Fre­und da sein kön­nen.

Zuzugeben, dass man etwas nicht kann, mag im ersten Moment vielle­icht nach Feigheit ausse­hen. Aber es kann auch bedeuten, dass man sich selb­st und seine Gren­zen so gut ken­nt, um den Mut dazu zu haben, “nein” zu sagen. Ehrlich zu sein und Angst zuzugeben. Deswe­gen bin ich ab jet­zt gern ein Los­er!

Und so sieht es aus, wenn ich mit ganz ohne Rennstress Spaß habe:

 

Wie geht ihr mit Angst um? Habt ihr Tipps oder Tricks, die auch anderen helfen kön­nten? Schreib uns eine E‑Mail an kontakt@fahrzeit.si!