Tuspo Weende
Foto: Archiv Tuspo Weende

Who is Fahrrad in: Göttingen?

Der Tuspo Weende im Visier

Text & Inter­view: Arne Bischoff
Bilder: Luka Gor­jup | Lux Fotow­erk, Tus­po-Archiv

In dieser losen Serie stellen wir Euch Men­schen oder Organ­i­sa­tio­nen vor, die das Rad­fahren in ihrer Region prä­gen. Getreu unserem Mot­to: Geschicht­en von Men­schen auf Fahrrädern. Den Anfang macht der Tus­po Weende in Göt­tin­gen.

Jed­er in Göt­tin­gen, der auch nur ein wenig mit Fahrrädern zu tun hat, ken­nt die blau-weiß-roten Radtrikots der Rad­sport­sek­tion des Tus­po Weende. Ob Sonne oder Regen, Som­mer oder Win­ter, Lone-Wolf oder Train­ings­gruppe – die Trikots prä­gen das Stadt­bild. Selb­st der ein oder andere Pendler trägt sie.

Grund genug, mit vier Tus­po­ran­ern und ein­er Tus­po­raner­in über die Hin­ter­gründe des Erfol­gs zu sprechen:

Han­nah Buch, Nation­alka­der­fahrerin und frisch von ihrer mündlichen Abitur­prü­fung zum Inter­view in die Stammkneipe des fahrzeit-Redak­teurs gekom­men; nach unserem Gespräch gewann sie eine Bronzemedaille in der 4.000-Meter-Mannschaftsverfolgung auf der Bahn bei der Junioren-EM in Gent (2019), Deutsche Meis­terin im Einzelzeit­fahren (U17, 2018), aktuell in der Vor­bere­itung auf die Junioren-Bahn-WM.

Tuspo Weende
Die Tusporaner*innen an einem Tisch. Das ist keine Sel­tenheit. // Bild: Luka Gor­jup | Lux Fotow­erk

Ihr Vater Hol­ger Buch, keines­falls als Auf­sichtsper­son, son­dern in sein­er Funk­tion als Abteilungsleit­er Rad­sport des Tus­po und Gesicht hin­ter dem Erfolg des Tus­po, mit Sätzen wie Don­ner­schlä­gen.

Tobias Buck-Gram­cko, erfol­gre­ich­er Nation­alka­der­fahrer und, wie Han­nah, große Nach­wuchshoff­nung, zweifach­er Medail­lengewin­ner bei der Junioren-Bahn-EM in Gent 2018 (Sil­ber in der 3.000-Meter-Einzelverfolgung, Bronze in der 4.000-Meter-Mannschaftsverfolgung), Fün­fter bei der Junioren-Bahn-WM (U19) 2018 und aktuell eben­falls in der Vor­bere­itung auf die Junioren-Bahn-WM.

Kai-Hen­rik Gün­ther, Mate­ri­al­wart, pro­fes­sioneller Laufrad­bauer und uner­schöpfliche Quelle an Anek­doten aus der großen Geschichte des Straßen­rad­sports, mehrfach­er nieder­säch­sis­ch­er Lan­desmeis­ter im Einzelzeit­fahren und seit Jahren bei „Oelles Bergzeit­fahren“ im Vor­feld der Tour d’Energie nicht zu schla­gen.

Timo Hol­loway, Jugend­wart des Vere­ins, Takt- und Ideenge­ber für Events, Camps und Ver­anstal­tun­gen, jüngst stel­lvertre­tend für die gesamte Jugen­dar­beit des Vere­ins mit dem „Grü­nen Band für vor­bildliche Tal­ent­förderung im Vere­in“ vom Deutschen Olymp­is­chen Sport­bund aus­geze­ich­net.

Klare Philosophie

Ich will zuerst wis­sen, wie der Tus­po es geschafft hat, in der Stadt so präsent zu sein, wie son­st höch­stens der schwarzgelbe Kult­fußball­club Göt­tin­gen 05. Hol­ger dazu: „Wir sind ein Vere­in mit ein­er klaren Philoso­phie. Wir wollen Men­schen in der Bre­ite und in der Spitze ansprechen. Und wir wollen ein Vere­in für heimis­che Rad­sportler sein.“

Dabei stand die Rad­sek­tion vor zehn Jahren am Abgrund. 2009 hat­te sie noch 35 Mit­glieder. Heute sind es 275 Aktive allen Alters. Die lokale Ver­wurzelung ist allen Beteiligten wichtig. Heimis­che Tal­ente sollen die Möglichkeit haben, weit­er in Göt­tin­gen zu fahren, auch wenn sie in die nationale oder sog­ar inter­na­tionale Klasse vorstoßen. Aktuell leb­haft zu besichti­gen ist das an Tobias – von allen nur Tobi genan­nt – und Han­nah, die vom BDR für die Junioren-Bahn-WM im August nominiert sind.

Tuspo Weende
Tobi im deutschen Nation­al­trikot auf der Bahn. // Bild: Archiv Tus­po Weende

Die Radbahn als Schlüssel

Auch auf diesem Lev­el bietet der Tus­po Train­ingsmöglichkeit­en. Wesentlich dafür ist die Göt­tinger Radrennbahn am Sandweg, die vom Tus­po in Eigen­regie für über 100.000 Euro saniert und 2011 feier­lich wieder­eröffnet wurde. „Die Bahn war in mis­er­ablem Zus­tand, voller Schlaglöch­er, geschot­tert und mit Gras­büscheln“, erin­nert sich Kai.

Heute bietet sie regelmäßige Train­ingsmöglichkeit­en abseits des Straßen­verkehrs. Ger­ade im Kinder- und Jugend­bere­ich sei das wichtig, nicht nur wegen der besorgten Eltern, deren Kinder eigen­ver­ant­wortlich zur Rad­bahn fahren und dort in einem geschützten Umfeld trainieren kön­nen.

Son­dern auch, um Kinder- und Jugendliche an den Sport her­anzuführen, wie Jugendleit­er Timo erk­lärt: „Auf der Bahn kön­nen wir prob­lem­los Leis­tung­sun­ter­schiede aus­gle­ichen. Fahren wir mit ein­er het­ero­ge­nen Gruppe wie ein­er Schulk­lasse auf der Straße, sind einige nach weni­gen Minuten abge­hängt. Oder die Schnellen müssen warten. Hier fahren alle ihr richtiges Train­ing­stem­po.“

Nachwuchs fördern

Dass das Aus­gle­ichen von Leis­tung­sun­ter­schieden von prak­tis­ch­er Rel­e­vanz ist, liegt auch daran, dass der Tus­po aktiv in die Göt­tinger Schulen geht, für den Rad­sport wirbt, Kurse und AGs anbi­etet. Um Kindern den teuren Sport unab­hängig vom finanziellen Spiel­raum der Eltern zu ermöglichen, hält der Vere­in eine große Auswahl von aktuell 30 Leihrädern, Bek­lei­dung und Zube­hör vor.

Hol­ger selb­st hat­te schon als Kind schmer­zlich erleben müssen, wie wichtig dieses Argu­ment für Eltern ist. Als er seinem Helden Didi Thu­rau nacheifern und auch Rad­sportler wer­den wollte, befand der Vater zunächst nur: „Zu teuer, Du spielst Fußball!“

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Sollte als Kind lieber Fußball spie­len: Hol­ger. // Bild: Luka Gor­jup | Lux Fotow­erk

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Han­nah in per­fek­ter Aero-Posi­tion. // Bild: Archiv Tus­po Weende

Konsequenter Kampf gegen Doping

Eine Rad­sportver­anstal­tung mit Volks­festcharak­ter und zum Mit­machen ist auch wichtig, um den immer noch präsen­ten Schat­ten der Dop­ingsün­den der 90er zu vertreiben. „Die Dop­ingskan­dale haben unseren Sport fast kaputt gemacht“, erin­nert sich Hol­ger.

Auch heute noch ist die Dop­ingver­gan­gen­heit des Sports all­ge­gen­wär­tig, wenn sie sich auch sub­til­er artikuliert. Tobi ken­nt das als Leis­tungss­portler nur zu genüge.

Man kriegt schon regelmäßig Sprüche zu hören. Im Stil von ‚Sind doch eh alle gedopt.‘ ‚Na komm, kannst es doch zugeben.‘ Auf die Dauer ist das schon sehr frus­tri­erend.

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Kom­pro­miss­los gegen Dop­ing, son­st ein sehr umgänglich­er Zeitgenosse: Timo. Bild: Luka Gor­jup

Auch Han­nah berichtet von solchen Sit­u­a­tio­nen, Unter­stel­lun­gen, Sprüchen und dem Schlimm­stem: „Kein­er glaubt einem.“ Die Emo­tio­nen an unserem Gespräch­stisch kochen sofort hoch. Ich ver­mute, weil es einem Rad­sportler zwangsläu­fig aus dem Hals hän­gen muss, unabläs­sig über Dop­ing zu sprechen. Und, weil sich hier defin­i­tiv die Falschen ange­sprochen fühlen: „Es ist gut, dass im Rad­sport so viel kon­trol­liert wird. Wir freuen uns über Kon­trollen!“, sagt Timo mit Verve.

Er ist auch für das Präven­tion­skonzept des Vere­ins ver­ant­wortlich, das schon bei Kindern und Jugendlichen ein­set­zt. „Bei uns ist die Dop­ing­präven­tion ein wichtiger Teil der Vere­in­sar­beit, zum Beispiel mit ein­er ganzen ‚Anti-Dop­ing-Woche.‘“

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„Dop­ing ist ein gesellschaftlich­es Prob­lem.“: Kai. Bild: Luka Gor­jup | Lux Fotow­erk]

Die schönen Seiten des Radsports

Wir kön­nten hier noch Stun­den reden. Die Stim­mung ist entspan­nt, die Hier­ar­chien flach, man spürt Ver­trauen und Ver­trautheit der Akteure. Auch die bei­den „jün­geren“ brin­gen sich selb­stver­ständlich, reflek­tiert und auf Augen­höhe ins Gespräch ein. Tobi frotzelt mit Kai, wenn der wieder Geschicht­en aus den guten, alten Zeit­en mit ungerasterten Schalthe­beln erzählt, Han­nah rollt dann absichtlich über­trieben mit den Augen.

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Entspan­nte Gespräch­srunde im Göt­tinger Café Schroed­er. Bild: Luka Gor­jup | Lux Fotow­erk

Klar, die fünf hier ken­nen sich gut. Ich als Außen­ste­hen­der meine trotz­dem, etwas von dem Spir­it zu erken­nen, der den Vere­in zu einem prä­gen­den Akteur des Göt­tinger Sports macht. Bevor wir das Gespräch been­den, will ich noch von Han­nah und Tobi wis­sen, wie sie zum Rad­sport gekom­men sind und was sie daran lieben. Bei­den eint, dass sie nicht das Gefühl haben, Opfer zu brin­gen für ihren Sport, etwa wenn Gle­ichal­trige aus­ge­lassen feiern gehen.

Han­nah, die mit fünf Jahren von ihrem Vater das erste Mal auf ein Ren­nrad geset­zt wurde und Tobi, der ehe­ma­lige Leich­tath­let, der sich für den Rad­sport entsch­ied, sagen bei­de fast wort­gle­ich: „Ich habe nicht das Gefühl, auf etwas Wichtiges zu verzicht­en. Und wenn, tue ich es gern.“ Hol­ger ergänzt nur lachend: „Die anderen verzicht­en, näm­lich auf den tollen Sport.“

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Han­nah und Tobi lieben ihren Sport – und sind dabei sehr erfol­gre­ich. Bilder: Luka Gor­jup | Lux Fotow­erk & Archiv Tus­po Weende

Bei­de Nach­wuchshoff­nun­gen, die pro­fes­sionell ihrem Sport nachge­hen, ohne offiziell „Profis“ zu sein, lieben den Wet­tkampf. Han­nah, wenn sie sagt: „Ich liebe es, an meine Gren­zen zu gehen, sie zu über­schre­it­en und zu ver­schieben. Es ist toll, wenn es weh tut.“ Und Tobi, der mit einem Leucht­en in den Augen sagt: „Das Geile ist das Ren­nen, dafür trainiere ich.“

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Seit­en­weise Mitschriften und ein Bier. Schönes Arbeit­en. Bild: Luka Gor­jup | Lux Fotow­erk & Archiv Tus­po Weende