Thüringer Rennsteig
Foto: Alexander Giebler

Rolling Rennsteig – Mit den Stones im Thüringer Wald

Zeit zum Fahren!

Text & Fotos: Alexan­der Giebler & Kathi Gold­stein

Eine Grav­el-Tour im Stile jen­er Kids, die derzeit vielerorts mit aufge­dreht­en Box­en durch die Großstädte ziehen. Cool­ness fühlen und Frei­heit suchen. Deutsch-Rap und harte Texte. Provozierend die Gren­zen ver­schieben. Kathi und Alex hören keinen Deutsch-Rap. Haben aber auch häu­fig Bock auf was Cooles. Warum nicht auf dem Rennsteig? Die Rolling Stones sind mit­tler­weile so schön anachro­nis­tisch. Wer gute Musik, rup­pige Trails und die passenden Bikes dazu liebt, ist hier goldrichtig.

Über knapp 170 km zieht sich der Rennsteig durch den Thüringer Wald, das Thüringer Schiefer­ge­birge und den Franken­wald.

Dien­stagabend, 19:30 Uhr. Göt­tin­gen, Lieblingskneipe um die Ecke, Feier­abend­bier. Häu­fig entspin­nen sich bei solchen Zusam­menkün­ften und unter Zuführung eines Hellen, ver­dammt gute Ideen. Ich sitze mit Kathi bei zunächst noch beschei­den­er Laune. Unser Jahres-Laufhigh­light, der Zugspitz-Ultra­trail mit 100 Kilo­me­tern rund um das Zugspitz­mas­siv, wurde auf­grund schw­er­er Gewit­ter am Woch­enende zuvor abge­sagt. Wohin jet­zt nur mit unser­er über­ra­gen­den Form?

Der Song im Hin­ter­grund bringt die Gedanken ins Rollen. „Start Me Up“ von den Stones läuft da: If you start me up – If you start me up I’ll nev­er stop … I’ve been run­ning hot. Der Groove von Kei­th Richards’ Gitar­ren­in­tro formt ein Bild in unseren Köpfen. Rolling Stones, Stones, Grav­el, Rol­lende Steine, Steine rollen von A nach B. Moment!

Es gibt doch diese Tra­di­tion: Man klaubt einen Kiesel aus der Saale bei Blanken­stein und trägt ihn über den Rennsteig, den ganzen Thüringer Wald ent­lang, bis nach Hörschel, um ihn dort in die Wer­ra zu schmeißen. Geil, das machen wir!

Kiesel einge­sam­melt und eingesteckt, kann los­ge­hen!

Wild Hors­es (Sticky Fin­gers, 1971)

Die Wahl der Waf­fen: Wir ver­fü­gen über einen Mon­ster­cross­er, das „Cut­throat“ von Sal­sa, und die brand­neue Grav­el-Mas­chine „Top­stone Car­bon“ von Can­non­dale. Let­zteres ist eine Art Soft­tail – der Hin­ter­bau fed­ert bis zu 30 Mil­lime­ter – und mit der eben­so neuen Funkschal­tung „Force eTap AXS“ aus­ges­tat­tet – Wild Hors­es eben. 170 Kilo­me­ter Forstwege und rup­pige Sin­gle­tracks mit irgend­was über 3.000 Höhen­metern soll­ten uns doch ordentlich aus­las­ten auf diesen Rädern!

Thüringer Rennsteig (7 von 36)
Die Zugspitze gegen den Rennsteig einge­tauscht – ein besser­er Deal, als man vielle­icht denken würde.

Dazu kommt die sprich­wörtliche Schnap­sidee, die Tour mit ein­er Rolling-Stones-Playlist zu unter­legen. Einige Ver­suche scheit­ern, die Bose-Box zufrieden­stel­lend mit Duct Tape am Rah­men zu befes­ti­gen. Eher zufäl­lig packe ich das Teil in den Flaschen­hal­ter, um weit­er zu über­legen. Und zack: Das hält ja wie Bombe! Also, wer sich fragt, warum manche Räder Ösen für eine Hal­terung am Unter­rohr haben – das ist für die Musik­box! Cheers!

Thüringer Rennsteig (1 von 36)
Für das Mot­to dieses Trips darf natür­lich die passende Beschal­lung nicht fehlen.

Gimme Shel­ter (Let it Bleed, 1969)

Fre­itagabend, Ankun­ft in Blanken­stein, ehe­mals an der äußer­sten Zonen­gren­ze gele­gen. Getren­nt vom West­en durch Saale, Grenz­za­un und Selb­stschus­san­la­gen. Nun ist von der DDR-Ver­gan­gen­heit nicht mehr viel zu sehen. Das Ver­schlafene und Unaufgeregte ist zum Glück geblieben. Schön hier! Wir find­en Unterkun­ft in der „Pen­sion am Rennsteig“ – per­fekt für Naturlieb­haber wie uns. Klein, schnuck­lig und geführt, seit Neuestem, von ein­er jun­gen Fam­i­lie aus Berlin-Neuköln.

Die Gesichter hin­ter den Fahrrädern, bzw. davor.

Sie sind vor dem Wahnsinn der Haupt­stadt geflo­hen. Vielle­icht auch vor den Kids mit ihren Deutsch-Rap-Box­en. Das ist gut für uns und gut für sie. Heute ist Ital­ienis­ch­er Abend und der neue Piz­za­ofen darf zeigen, was er kann. Wir spüren das fried­volle Jet­zt, nach dem sich Jag­ger in Gimme Shel­ter sehnt und begeben uns früh zu Bett. Halb vier wird der Weck­er klin­geln.

Start Me Up (Tat­too You, 1981)

Auf­ste­hen, Wass­er ins Gesicht, am Brötchen knab­bern, Kaf­fee schlür­fen und los! In den Taschen müssen wir nicht viel ver­stauen: Es soll heiß wer­den und trock­en bleiben. Zuhause lassen woll­ten wir sie aber auch nicht. Etwas Kom­fort durch ein Wech­selshirt, bequeme Schuhe und aus­re­ichend Pro­viant darf schon sein. Wir wollen ja kein Ren­nen fahren.

Der frühe Vogel fängt den Wurm … oder so.

Wir wählten als Strecke den Rennsteig-Reverse, also von Südost nach Nord­west. So war unsere Anreise länger, aber die Abreise dauert dann nur zwei Stun­den statt fünf. Also los! Nach den ersten extrem steilen Kilo­me­tern geht es flüs­sig und wellig durch die Mor­gendäm­merung.

Der Him­mel begin­nt, sich rot zu fär­ben. Wärme kommt auf und mit ihr pure Freude.

Jumpin’ Jack Flash (Child of the Moon, 1968)

Da es unendlich viele Weg­vari­anten gibt, den Rennsteig zu befahren, greifen wir auf Kathis Ortsken­nt­nis zurück. Sie hat schon zweimal bei der Rennsteig-Staffel teilgenom­men und ken­nt viele Teil­streck­en vom Moun­tain­bike und in Lauf­schuhen. Den Rest erledigt mein Lezyne-GPS „Mega XL“ zuver­läs­sig. Über schmale Feld­wege, kurvige Sträßchen und immer mehr wurzelige Wald­wege geht es in den Son­nenauf­gang. Unser Reifen­wahl bescherte uns extremen Spaß.

Episch oder episch? Episch! Um diese Uhrzeit sind auch die Tem­per­a­turen noch erträglich.

Ich bin mit dem Top­stone auf WTB „Rid­dler“ unter­wegs und Kathi mit ihrem Cut­throat auf den WTB „Ven­ture“ mit sat­ten 50 Mil­lime­ter Bre­ite. Dank Tube­less-Set­up von Stan’s No Tubes fühlen sich die Reifen auch auf blankem Asphalt extrem schnell an! 8:30 Uhr. Vier Stun­den haben wir für die ersten 58 Kilo­me­ter gebraucht. Es rollt. Alles noch mit Schlaf in den Augen; keine Men­schenseele ist unter­wegs und die Tem­per­atur noch im Kom­fort­bere­ich. Zeit für ein biss­chen abhän­gen, Clif­bars fut­tern und rumal­bern.

You Can’t Always Get What You Want (Let It Bleed, 1969)

Wir haben uns im Vor­feld bewusst keine Zwis­chen­ziele oder Zeit­en für diese Tour über­legt. Und so heißt nun ganz spon­tan das näch­ste Rastziel Ober­hof. Mit­tagessen. Wieder knapp 50 Kilo­me­ter. Ab jet­zt wird es aber schon deut­lich tech­nis­ch­er zu fahren. Wir wollen unseren Schnitt hal­ten und entschei­den uns, bei gut fahrbaren Bergab-Pas­sagen Feuer zu geben und bei knif­fli­gen Stellen sich­er zu fahren. Bloß keine Malaisen an Leib und Fahrrad! Allerd­ings hält das Kathi nicht davon ab, sich spon­tan in den Dreck zu wer­fen, wenn die Klicks beim Anhal­ten nicht aus­lösen wollen …

Tech­nis­che Stel­len­ab­schnitte wech­seln sich ab mit Schot­ter­pis­ten und Asphalt – alles dabei.

Den rup­pi­gen Abschnitt von Masser­berg abwärts meis­tert sie mit umso mehr Ele­ganz und ich komme mit den für die Feld­weg­ste­in­größen und Stufen­höhen recht schmalen Reifen an meine Gren­ze. Kathis Cut­throat per­formt hier mit den bre­it­eren Reifen entsprechend bess­er, doch wahrschein­lich ist sie ein­fach nur uner­schrock­en­er. Aus­ge­wasch­ene Hohlwege mit freige­spül­ten Ficht­en­wurzeln. Nichts genormt, keine Lin­ie, fette Stufen, Klickpedale … Ich ver­misse Var­iostütze und die Federung vom MTB hier schon etwas.

Aber mit dem Sat­tel etwas tiefer, den Hän­den am Flare des Lenkers und dem Blick schön weit voraus, geht es auch ohne Federung immer bess­er, immer schneller. You can’t always get what you want. But if you try some­times you just might find. You get what you need. Es wird flowig.

Sis­ter Mor­phine (Sticky Fin­gers, 1971)

Bis Ober­hof passieren wir in Winde­seile die offizielle Hälfte des Rennsteigs und wech­seln mal auf die Straße, wenn Ren­nrad­fahrer unter­wegs sind, und wieder auf den Trail, direkt neben der Straße, wenn der flowig genug aussieht. Schon geil, wenn man auf unseren Rädern mit den Ren­nrädern mithal­ten kann!

Unsere Grav­el-Bikes hal­ten lock­er mit jedem Ren­nrad mit!

So langsam gewin­nt nun auch die Sonne über­hand. Das Gelbe Ding bren­nt mit voller Kraft und der Fahrtwind reicht kaum noch aus, genü­gend Küh­lung zu schaf­fen. The scream of the ambu­lance is sound­ing in my ears. Tell me, Sis­ter Mor­phine, how long have I been lying here? What am I doing in this place? Why does the doc­tor have no face? Es geht auf Mit­tag zu und die Schmücke kommt in Sicht. Mit­tagspause bei Kilo­me­ter 110.

Wohlver­di­ente Mit­tagspause.

Wir unter­hal­ten uns mit ein­er älteren Frau, die uns kurz zuvor am Berg mit ihrem E‑Bike abge­zo­gen hat. Sie erzählt aus­giebig von ihren früheren Touren ohne Motor und das das so jet­zt nicht mehr gin­ge. Aber mit Motorun­ter­stützung kann sie immer noch fahren, wohin sie will, manch­mal sog­ar weit­er als früher. Und das liebt sie. Her­rlich, ihr Glück im Blick!

Time is on my Side (12x5, 1964)

Jet­zt geht es „nur“ noch über den Insels­berg. Den kann man natür­lich umfahren. Aber wir wollen sehen, ob wir die Rampe von der Gren­zwiese noch pack­en. Und wir pack­en sie. Bis auf die let­zten Meter, die sind wirk­lich irre steil! Da darf man ruhig auch mal schieben, wie wir find­en. Oben angekom­men, gibt es die dritte Pause, Eiss­choko­lade. Der Blick auf das restliche Streck­en­pro­fil ver­spricht immer mehr Abfahrten. Doch der Rennsteig zeigt hier sein wahres Gesicht.

Auf jede Abfahrt fol­gt ein zwar etwas kürz­er­er, aber umso giftiger­er Gege­nanstieg. Wal­dau­to­bahn und Schot­ter­pis­ten vom Fein­sten. Zum Glück check­en wir nochmal die Bah­n­verbindung und das Zeit­fen­ster. Der geplante Zug wird plöt­zlich nicht mehr angezeigt! Die let­zte gute Verbindung nach Hause geht nun zwei Stun­den früher! Das heißt also nochmal richtig rein­hauen und den her­aus­ge­fahre­nen Zeit­puffer zu nutzen. Kette Rechts und Feuer! Es wird immer enger, obwohl die let­zten zehn Kilo­me­ter fast flach aus­laufen. Und der Stein will ja auch noch in die Wer­ra geschmis­sen wer­den.

Noch drei Kilo­me­ter und zehn Minuten bis Zugab­fahrt. Und da ist endlich das Ufer der Wer­ra! Kam­era raus, Stein in die Luft geschmis­sen und schließlich ins Wass­er. Jet­zt im Voll­sprint zum Zug. Drei Minuten ver­schnaufen und dann kommt er auch schon. Halb fünf sind wir in Blanken­stein ges­tartet, halb acht Abfahrt in Hörschel. 15 Stun­den waren wir unter­wegs und cir­ca 13 Stun­den gefahren. 178 Kilo­me­ter und 3.200 Höhen­meter. Rock’n’Roll. Geiles Ding!

Thüringer Rennsteig (35 von 36)
Der Kiesel ist erfol­gre­ich in der Wer­ra abgeliefert – und der Rennsteig damit offiziell absolviert.