Foto: Jeremie Reuiller

Enduro, die Goldene Mitte?

Ein Interview mit Jérôme Clementz...

Pro­log des Autors: Ich habe viele Jahre lang eine sehr aus­giebige MTB-Videothek auf DVD und Youtube-Links geführt. Das war auch meine erste Bekan­ntschaft mit Jérôme Clementz: Ein ca. 5‑minütiges Video, in dem Jérôme mit unfass­barem Tem­po einen verblock­ten Stieg in den heimis­chen Voge­sen befährt. Aber nicht das Tem­po hat mich vor allem fasziniert, son­dern etwas, das ich von MTB-Videos bis dato nicht kan­nte: Gra­zie.

Ein präzis­er, messer­schar­fer Fahrstil, nie über­trieben, immer nur mit den nötig­sten Bewe­gun­gen – die aber minu­tiös passend. Ein sehr eigen­er Style, den Jérôme Clementz über die Jahre beibehal­ten und gepflegt hat, selb­st im Renn­be­trieb.
Als sich nun sich­er zehn Jahre später die Gele­gen­heit zum Inter­view ergab, habe ich mich gefreut und sofort zuge­grif­f­en. Der Link zum Clip ist übri­gens ver­schollen. Zuschriften erwün­scht an kontakt@fahrzeit.si

Die Moun­tain­bike-Welt hat schon länger einen ver­i­ta­blen Hype: Enduro. Was als Ren­n­for­mat begann, ist heute ein­er der meist­ge­braucht­en Begriffe in Pro­duk­tbeschrei­bung und ‑anpreisung. Ist Enduro wirk­lich die Gold­ene Mitte des Moun­tain­bikens? Also der Sport, der das Beste aller Diszi­plinen verbindet? Und wie find­et sich das immer pop­ulärere E‑MTB darin wieder? Wir befra­gen ein Urgestein der Szene, den Elsäss­er Jérôme Clementz.

Bild: Dave Trumpore

Gekom­men, um zu bleiben!“ Die zu Tode stra­pazierte Wen­dung trifft wieder zu: Als jüng­ste Diszi­plin hat sich „Enduro“ in rasender Geschwindigkeit im Moun­tain­bike-Sport etabliert, ehe­ma­lige Platzhirsche wie etwa Four­cross über­holt und sich zwis­chen Cross Coun­try und Down­hill einen Podest­platz gesichert. Es ist ein solch­er Hype darum ent­standen, dass die Begeis­terung zwangsläu­fig auch in Spott umgeschla­gen ist. Enduro-spez­i­fis­che Flaschen­hal­ter, Sät­tel, Reifen … Es gibt nichts, was es auf dem bun­ten und an Superla­tiv­en reichen Fahrrad­markt nicht speziell für „Enduris­ten“ gibt.

Jérôme während der Trans Provence 2017.

Was aber ist Enduro? Der Modus stammt aus dem Motor­sport. Trans­fer-Etap­pen ohne Zeit­nahme wech­seln sich mit gezeit­eten Wer­tung­sprü­fun­gen, soge­nan­nten spe­cial stages oder kürz­er „Stages“ ab. Am Ende wer­den die Stage-Zeit­en addiert und gewon­nen hat, wer die niedrig­ste Gesamtzeit erre­icht hat. Es gibt unter­schiedlich­ste Ver­anstal­tun­gen, mal ein‑, mal mehrtägig, es wird „auf Sicht“ oder mit vorherigem Streck­en­train­ing gefahren, es gibt Trans­fers mit Lift oder solche, wo nur auf Muskelkraft geset­zt wird.

Aber die Grun­didee ist immer gle­ich. In der Enduro World Series (EWS) fahren die besten Ath­letinnen und Ath­leten der Welt um Preis­geld und Medaillen. Darunter gibt es unzäh­lige andere Ver­anstal­tun­gen und For­mate. Die Streck­en sind jedoch generell so gewählt, dass sie kör­per­lich wie fahrtech­nisch anspruchsvoll sind. Macht das Enduro zur Besten aller MTB-Wel­ten?

Jérôme Clementz kann diese Frage wie kaum ein ander­er beant­worten. Der Elsäss­er, dessen ansteck­endes Dauer­lächeln schnell sein Marken­ze­ichen wurde, hat 2013 die Gesamtwer­tung der ersten EWS-Sai­son über­haupt und damit den inof­fiziellen Welt­meis­ter­ti­tel des jun­gen Sports gewon­nen.

Bis er sich 2018 mit einem fün­ften Gesam­trang aus der Eliteliga zurück­zog, hat­te er nicht nur zahlre­iche weit­ere EWS-Siege und Podi­um­splatzierun­gen errun­gen, son­dern auch die leg­endären Ver­anstal­tun­gen Megavalanche und Trans-Provence für sich entsch­ieden.

Bild: Jere­mie Reuiller

Jérôme, Du bist Cross Coun­try und Down­hill gefahren und hast die Diszi­plin Enduro wie wenige andere geprägt. Ist Enduro die gold­ene Mitte des Moun­tain­bike-Sports?

So, wie ich Moun­tain­bike ver­ste­he, ja! Enduro hat densel­ben Spir­it wie damals, als Joe Breeze und seine Fre­unde mit umge­baut­en Straßen­rädern den Mt. Tamal­pais in Marin Coun­ty raufgek­let­tert und run­terge­fahren sind. Aus diesem Geist ist das Moun­tain­biken ja über­haupt erst ent­standen: Ver­bringe Deine Zeit draußen mit ein paar guten Fre­un­den, genieße die Natur und den Aus­blick, streng Dich an und belohne Dich mit Dein­er Dosis Adren­a­lin auf dem Weg bergab.

Genau so wurde Enduro in den Anfangs­jahren ja auch beschrieben. Allerd­ings wird die Zahl der eher erleb­nisori­en­tierten Ver­anstal­tun­gen stetig klein­er, das Ergeb­nis immer wichtiger. 2019 etwa wird die Trans-Provence (TP), die pro­to­typ­isch für diesen Geist stand, das let­zte Mal stat­tfind­en. Hat der hek­tis­che Rennzirkus den Aben­teuergeist getötet?

Das glaube ich nicht. Natür­lich gibt es hoch­pro­fes­sionelle Ren­nen, bei denen Spaß nicht alles ist. Umgekehrt gibt es unglaublich viele Grass­roots-Events, wo viel mehr zählt als das nack­te Ergeb­nis. Es gibt immer noch viele soge­nan­nte „Trans“-Rennen [Anm. d. Red: oft mehrtägige Ver­anstal­tun­gen, die eine bes­timmte Region durch­queren], bei denen man untere­inan­der nicht ein­mal von Zwis­chen­stän­den oder Gesamtzeit­en spricht, aber umso mehr von der wun­der­schö­nen Land­schaft, den lan­gen Trans­fers oder den aufre­gen­den Down­hill-Stages.

Wirst Du an der näch­sten und let­zten TP teil­nehmen?

Nein, das werde ich nicht. Aber ich möchte trotz­dem nicht „lei­der“ sagen, denn ich werde an diesem Woch­enende heirat­en. Ich denke, das ist ein guter Grund. Trotz­dem ist diese Ver­anstal­tung ein­fach atem­ber­aubend und ein großar­tiges Erleb­nis. Also werde ich ver­suchen, wenig­stens einen Tag lang dabei zu sein und ein let­ztes Mal die Stim­mung dieses fan­tastis­chen Aben­teuers aufzusaugen.

Bild: Jere­mie Reuiller

Hat sich das Enduro-Rac­ing seit dem Beginn Dein­er Kar­riere verän­dert?
Ich finde, es hat sich stark verän­dert. Damals, als ich ange­fan­gen habe, stand auch der Sport noch ganz am Anfang und war nicht so pro­fes­sion­al­isiert wie heute. Es war ein­fach eine Art, Orte mit dem Bike zu erkun­den, an denen man noch nie gefahren war. Neben­bei hat­te man v. a. Spaß und ver­sucht, sein Bestes zu geben. Heute ist alles und auf jed­er Ebene pro­fes­sioneller.

Die Ver­anstal­tun­gen haben bis zu 400 Teil­nehmer, es gibt eine echte Organ­i­sa­tion und genaues Brief­ing und Kom­mu­nika­tion. Die Regeln wur­den zu Gun­sten von mehr Aus­geglichen­heit angepasst. Mehr Train­ing, weniger blind-rac­ing; bessere Show für die Zuschauer dank Live-Zeitmes­sung und manch­mal auch kürzere Stages.
Wir sind früher fast auss­chließlich auf Natur­trails und Wan­der­we­gen gefahren, heute wer­den die meis­ten Trails extra für die Enduro-Ren­nen angelegt: haupt­säch­lich eher natur­nah aber ergänzt um Ele­mente wie gebaute Anlieger oder Sprünge.

Auch auf Ath­letenebene hat sich viel geän­dert. Es ist mehr Geld im Spiel, mehr Profis kön­nen von ihrem Sport leben, die Struk­turen sind eben­falls erwach­sen gewor­den: mehr und besseres Fahr- und Fit­nesstrain­ing, größere Teams aber auch mehr Druck. Die Abstände zwis­chen den Sportlern haben sich ver­ringert.

Heute musst Du immer und über­all 100 % geben, darf­st Dir keine Fehler erlauben und musst mehr riskieren, denn jede Sekunde zählt. Das macht den Sport span­nen­der für die Zuschauer aber auch ern­sthafter.

Jérôme Clementz zwis­chen Aspen in Aspen bei der EWS 2017. | Bild: Sven Mar­tin

Wozu braucht man eigentlich dieses Ele­ment von Wet­tbe­werb? Warum fährt man nicht ein­fach, wie es am meis­ten Freude bere­it­et; gemein­sam, alleine, schnell, ver­spielt, entspan­nt … und ver­gisst die Uhr?

Ich bin selb­st Mitor­gan­isator einiger lokaler Ren­nen im Nor­dosten Frankre­ichs [Anm. d. Red.: Can­non­dale Enduro Tour] und weiß: Die Leute lieben das ein­fach. Wenn Du gegen die Uhr fährst, quälst Du Dich mehr, gehst an Deine Gren­zen und über sie hin­aus. Ich denke, das ist es, was die Men­schen am Enduro-Ren­nen lieben.

Du fährst länger, mehr Höhen­meter, an Orten, die Du son­st nicht gese­hen hättest, auf Trails, die Du ohne diese Extra-Moti­va­tion nicht gefahren wärst. Und wie die Men­schen am Ende des Tages ihr Bier genießen, ihre Begeis­terung teilen, lachen, Heldengeschicht­en erzählen – das ist ein­fach toll. Sie wis­sen nicht ein­mal, wo sie am Ende lan­den wer­den; alles was für sie zählt, ist, dass sie ihre Kumpels schla­gen, um zu wis­sen, wer die Getränke zahlt.

In Deutsch­land sind Fit­ness-Apps wie Stra­va ein riesiges The­ma. Schadet oder nutzt es dem Moun­tain­biken, wenn Ver­gle­ich und Wet­tbe­werb Teil jed­er Trail-Aus­fahrt sind?

Es hil­ft sich­er nicht. Moun­tain­bik­er teilen die meis­ten Trails mit anderen Nutzern. Ren­n­modus ist hier also nicht die klüg­ste Idee. Vom Train­ingsef­fekt aus betra­chtet, ist es eben­falls nicht hil­fre­ich, immer 90 Prozent oder mehr zu geben. Um ein Train­ing zu entwick­eln und schnell zu fahren, muss man auch ler­nen, langsam zu fahren und Tech­nik zu trainieren. Das Beste an den Apps ist, dass sie einem helfen, neue Trails zu find­en, wenn man unter­wegs ist. Wenn es ein Stra­va-Seg­ment gibt, heißt das meis­tens, dass der Trail gut ist.

Bild: Ale di Lul­lo

Wer­den die dig­i­tal­en Ren­n­for­mate via App irgend­wann das heutige Ren­nen mit hun­derten Men­schen zur sel­ben Zeit am sel­ben Ort erset­zen?

Ich weiß nicht, was die Zukun­ft brin­gen wird. Aber klar, auch der Rad­sport hat das Poten­zial, dig­i­tal­isiert zu wer­den. Ich ganz per­sön­lich ver­bringe meine Zeit trotz­dem lieber in den Bergen als vor dem Com­put­er. Das macht das Erleb­nis Moun­tain­bike ein­fach bess­er.

Du hast angekündigt, Dich stärk­er auf Ent­deck­ungsreisen und Aben­teuer­trips zu konzen­tri­eren und nur noch gele­gentlich Ren­nen zu fahren. Warum der Ausstieg aus dem Renn­be­trieb auf dem höch­sten Niveau?

Alles hat seine Zeit. Um auf dem höch­sten Lev­el Ren­nen zu gewin­nen, musst Du immer zu 100 Prozent fokussiert sein. Du musst immer motiviert sein, alles zu geben, selb­st wenn das an anderen Stellen Opfer bedeutet. Ich habe dieses Feuer nicht mehr in mir. Ich habe so viele Jahre so hart trainiert und dabei viele andere Aspek­te des Moun­tain­bikens ver­nach­läs­sigt, die ich genau­so liebe.

Jet­zt gilt meine Moti­va­tion eher ein­er guten Reise oder einem ehrlichen Aben­teuer als der täglichen Rou­tine aus eat, train, race, repeat. Aber ich bleibe natür­lich ein Teil dieser Szene. Ich besuche Ren­nen, tre­ffe andere Bik­er, helfe meinen Part­nern, bessere Pro­duk­te zu entwick­eln oder reise. Sich­er werde ich weit­er das eine oder andere Ren­nen fahren und ver­suchen, fit zu bleiben – aber mein Leben dreht sich nicht mehr darum. Ich werde ein­fach nur Rad fahren und nicht ständig ver­suchen, Lim­its zu ver­schieben.

Bild: Jere­mie Reuiller

Ver­rätst Du uns auch ein paar Pro­jek­te für 2019?

Im Früh­jahr teste ich immer viel und arbeite mit meinen Part­nern inten­siv an der Pro­duk­ten­twick­lung. Ich nehme natür­lich auch an ein paar Bike-Fes­ti­vals teil, um mit vie­len Men­schen biken zu gehen. Im Som­mer bin ich dann vor allem für Can­non­dale unter­wegs, wenn die Räder vorgestellt wer­den, an denen ich mit­gear­beit­et habe. Ich gehe dann mit Jour­nal­is­ten oder Händlern biken. Und im Herb­st wird es ein schön­er Mix aus eini­gen Etap­pen­ren­nen.

Lass uns auch über Tech­nik sprechen, Jérôme. Du arbeitest inten­siv mit Größen der MTB-Branche wie Can­non­dale oder SRAM. Was macht für Dich ein per­fek­tes Enduro-Moun­tain­bike aus?

Das ist ein­fach. Das per­fek­te Enduro klet­tert wie ein XC-Bike und fährt bergab wie ein DH-Bolide [lacht]. Nein, ern­sthaft. Ein gutes Enduro trifft die richtige Bal­ance. Es sollte Spaß machen, zuver­läs­sig sein, nicht zu schlecht klet­tern und das Ver­trauen ver­mit­teln, jedes Gelände sou­verän in Angriff nehmen zu kön­nen.

Bild: Jere­mie Reuiller

Auch in Sachen Gewicht (ca. 14 kg) und Fed­er­weg (ca. 160 mm) liegen mod­erne Enduro-Bikes ziem­lich genau in der Mitte zwis­chen Cross-Coun­try und Down­hill. Ist der Sweet-Spot gefun­den oder siehst Du in Zukun­ft auch Bikes, die beim Gewicht eines Cross-Coun­try-Rades den Fed­er­weg eines Down­hillers besitzen?

Seit ich pro­fes­sionell fahre, sind die Räder eigentlich nicht mehr wesentlich leichter gewor­den, dafür bei gle­ichem Gewicht viel effizien­ter, zuver­läs­siger und belast­bar­er. Wir haben heute eine bessere Gangab­stu­fung, stärkere Brem­sen, präzise ein­stell­bare Fahrw­erke, versenkbare Sat­tel­stützen, bessere und robus­tere Reifen. Fed­er­weg ist übri­gens auch nur ein Aspekt. Den Charak­ter eines Rades bes­timmt seine Geome­trie viel stärk­er.

Kein Inter­view ohne die Motor­frage. Es hat bere­its der erste Pro­belauf eines elek­tri­fizierten EWS-Ren­nens stattge­fun­den. Hast Du Lust, auch mal Ren­nen mit Motorun­ter­stützung zu fahren?

Tat­säch­lich liebe ich es, E‑MTB zu fahren. Allerd­ings reizt es mich nicht so sehr, damit zu racen. Ich denke, diese Räder sind primär für etwas anderes gemacht. Außer­dem sehe ich nicht den Punkt, mit ver­schiede­nen Motoren gegeneinan­der Ren­nen zu fahren. Nie­mand weiß genau, welch­er Motor welche Vorteile hat und es gibt immer die Möglichkeit des Motor-Tun­ings.

Das ist ein­fach zu schwierig zu kon­trol­lieren und wenn ich Ren­nen fahre, möchte ich sich­er sein, dass alles fair zuge­ht. Für mich sind E‑Bikes eher Räder, um zu ent­deck­en, Skilift oder Shut­tle ver­mei­den zu kön­nen und auch, um mit ein biss­chen weniger Qual bergauf zu fahren.

Stell Dir vor, Du müsstest trotz­dem das ide­ale E‑MTB-Ren­nen entwer­fen …

Vielle­icht ein Ren­nen, bei dem man kein eigenes Rad mit­bringt, son­dern nach dem Zufall­sprinzip eins vom Organ­isator bekommt? So kön­nte man vorher nicht tunen und alle hät­ten diesel­ben Chan­cen. Oder wie es in eini­gen Motor­sport-Serien läuft: Alle nutzen das­selbe Rad als Basis und dür­fen nur wenige Dinge wie Reifen oder Fahrw­erk­se­in­stel­lun­gen anpassen.

Die Trails soll­ten jeden­falls so gewählt wer­den, dass man auch ped­alierend nicht mehr als 25 km/h erre­icht. Sie soll­ten sehr tech­nisch sein, sodass am Ende die Fahrtech­nik den Unter­schied macht.

Wir haben über elek­trisch unter­stütze Moun­tain­bikes gesprochen. Seit eini­gen Monat­en hat die Elek­tri­fizierung eine weit­ere Facette bekom­men. SRAM hat mit der Eagle AXS die erste elek­trische Funkschal­tung fürs MTB vorgestellt, zusam­men mit ein­er eben­falls kabel­los per Funk aus­gelösten hydraulis­chen Sat­tel­stütze. Ein paar Wochen später kamen von SRAM-Tochter Zipp die 3ZERO MOTO-Laufräder mit Reifendruck­kon­trolle per App oder LED. Du bist ein langjähriger Part­ner von SRAM. Warst Du in den Entwick­lung­sprozess einge­bun­den? Wie muss ich mir so etwas vorstellen. Ja, ich war bei bei­den Entwick­lun­gen an Bord. Ich bin vor allem extrem viel mit den jew­eili­gen Pro­to­typen gefahren. Tief im Wald ver­steckt, damit mich nie­mand sieht (lacht). Bei den SRAM AXS-Kom­po­nen­ten war ich sehr inten­siv involviert. Der ganze Entwick­lung­sprozess war extrem aufwändig und pro­fes­sionell und sehr inge­nieurs­getrieben.

Ich war der Dauertester und habe an die Tech­niker berichtet: Was hält das Mate­r­i­al aus, wie ist die Lan­glebigkeit, wie lange hal­ten die Akkus im harten Gelän­deein­satz durch, wie ist die Hebel­er­gonomie, … Ich finde es entschei­dend, die Teile inten­siv unter Realbe­din­gun­gen zu testen, bevor sie in den Han­del kom­men. Nur so baut man Pro­duk­te, die für den End­ver­brauch­er per­fekt funk­tion­ieren. Labortests allein kön­nen das nicht.

Und warum eine Funkschal­tung oder ‑teleskop­stütze? Was sind die Vorteile?

Die elek­trische Aus­lö­sung per Funk ist extrem präzise und vor allem sehr kon­sis­tent. Du hast immer das­selbe Hebel­ge­fühl, dieselbe Präzi­sion. Ein Druck auf den Trig­ger löst z. B. immer dieselbe Bewe­gung des Schaltwerks aus. Außer­dem hat SRAM ein paar wirk­lich coole Fea­tures einge­baut. Das Schaltwerk entkop­pelt zum Beispiel und schwingt ein­fach zur Seite, wenn es einen Schlag bekommt.

Das wäre mit ein­er klas­sis­chen Kabelaus­lö­sung und Fed­er­mech­a­nis­mus so nicht möglich. Auch bei der Mon­tage hat die Tech­nik Vorteile. Ganz beson­ders bei der Sat­tel­stütze. Die ist wirk­lich super ein­fach zu instal­lieren. Ins­ge­samt spart man sich eine Menge Werk­stattzeit und das Ergeb­nis sieht ein­fach gut aus. Am Meis­ten gefällt mir aber, wie müh­e­los sich Gänge schal­ten oder die Stütze aktivieren lassen.

Bild: Jere­mie Reuiller

Irgendwelche Nachteile? Akku­laufzeit? Sollte ich Ersatza­kkus dabei­haben?
Ich will AXS wirk­lich nicht mehr mis­sen. Also nein, ich sehe keine echt­en Nachteile. Klar, Du musst Akkus laden. Aber der Akku am Schaltwerk hält 15 bis 20 Stun­den reine Fahrzeit, an der Stütze sog­ar über 40. Für die meis­ten Fahrer heißt das, max. zweimal im Monat Akku laden. Und die Lichtsig­nale zeigen dir immer an, wann es Zeit ist.

Mit der AXS-App kannst du alle Para­me­ter von Antrieb, Stütze oder Laufrad­satz überwachen und indi­vid­u­al­isieren, z. B. die Schalt­logik nach gus­to verän­dern. Bist Du jemand, der immer wieder pro­biert und pro­gram­miert oder bist Du eher der Typ für ‚set it and for­get it‘?

Klar, Du kannst. Aber Du musst nicht. Als ich ange­fan­gen habe, die Sachen zu testen, gab es die App noch gar nicht. Ich bin also gewöh­nt, Schal­tung und Stütze zu benutzen wie immer und ich habe kein Bedürf­nis, irgen­det­was daran zu ändern. Aber wenn Du der Typ dafür bist, ist es natür­lich toll, die Möglichkeit zu haben.

Jérôme, Hand aufs Herz! Wie waren die ersten vier Monate ohne Rac­ing für Dich? Ver­misst Du es?
Nein. Es ist alles opti­mal gelaufen. Ich stecke in so vie­len span­nen­den Pro­jek­ten, ich hab’ gar keine Zeit, viel zu ver­mis­sen. Außer­dem habe ich mich ja auch sehr bewusst entsch­ieden. Ich möchte mich auf andere Dinge konzen­tri­eren. Die Arbeit in der Fahrrad­branche, tolle neue Pro­duk­te miten­twick­eln, reisen, Foto- und Video­pro­jek­te – all das mag ich wirk­lich sehr. Und ja, Hand aufs Herz. Ganz aufge­hört habe ich ja gar nicht. Ich fahre hier und da immer noch gern Ren­nen, nur eben nicht mehr die Enduro World Series.

Vie­len Dank für das Gespräch, eine wun­der­volle Hochzeit, viel Erfolg bei Deinen Plä­nen und alles Gute für Dich!

Anmerkung zum Text: Die ursprüngliche Ver­sion dieses Inter­views ist für alle Zeit in der Aus­gabe #25 „Gold“, des Rad­kul­tur­magazins fahrstil zu lesen. Für Fahrzeit.si sind wir mit Jérôme Clementz in die zweite Runde gegan­gen und haben noch ein biss­chen aus­führlich­er über Geschichte und Tech­nik des Endurosports gesprochen. Vie­len Dank an die Kol­le­gen von fahrstil für die Zus­tim­mung zur Neuau­flage, an Can­non­dale für die Bilder und natür­lich an Jérôme für das nette Gespräch.

Text und Inter­view: Arne Bischoff | Bilder: Can­non­dale; Jérôme Clementz