Paris Brest Paris Lenker umbauen
Foto: Kay Tkatzik

Neue Regeln, neue Lenker — Paris-Brest-Paris 2019

...eine Bastelstunde bei Fahrzeit.si

In diesem Som­mer startet die 19. Auflage von „Paris-Brest-Paris“, DEM Langstreck­en­klas­sik­er. Für die über 1.200 Kilo­me­ter gel­ten in diesem Jahr neue Regeln. Diese laden zum Basteln ein. Da lässt sich fahrzeit.si nicht lange bitten.

Ich bin mit den Worten Kult und Mythos sehr sparsam. Aber bei Paris-Brest-Paris (PBP) sind sie wahrlich ange­bracht. PBP ist das älteste noch aus­ge­tra­gene Radren­nen der Welt und find­et alle vier Jahre im August statt. 1891 war die erste Aus­tra­gung, diesen Som­mer ist es wieder soweit. Wer eine Pas­sion für län­gere Streck­en mit dem Ren­nrad hat, der sollte diesen Klas­sik­er ein­mal in seinem Leben gefahren sein.

In sein­er wech­selvollen Geschichte (siehe Wikipedia) von ein­er über 1.200 Kilo­me­ter lan­gen Härteprü­fung für Rad­profis hin zur Ran­don­neur-Fahrt mit über 6.000 Teil­nehmern hat „PBP“ seine Wurzeln stets gepflegt. Entsprechend wirken manche Pas­sagen aus dem Regle­ment ger­adezu archaisch, tra­di­tionell, kon­ser­v­a­tiv oder auch „retro“ – je nach­dem, aus welch­er Per­spek­tive man darauf blickt.

Wie eigentlich die kom­plette Brevet-Szene ist PBP sicher­lich kein Quell der Inno­va­tio­nen, son­dern zele­bri­ert den Geist der Helden der Land­straße aus ver­gan­genen Zeit­en. So waren etwa GPS-Geräte lange Zeit ver­pönt. Statt eines GPS-Tracks gab es ein Road­book: Ohne genauen Tacho war das Navigieren unmöglich.

Neue Regeln für ein altes Rennen

Die Langstreck­en­szene staunte nicht schlecht, als Anfang des Jahres die Mel­dung die Runde machte, dass erst­mals in der Geschichte von PBP Zeit­fahr-Lenker­auf­sätze zuge­lassen sein wer­den. Zeit­fahrau­flieger sind fes­ter Bestandteil der Räder im Ultra­cy­cling – eben mit Aus­nahme der Brevets. Sie bieten drei entschei­dende Vorteile: Zum einen verbessern sie die Aero­dy­namik, denn die Arme wan­dern nach innen und damit reduziert sich die Stirn­fläche. Ein tiefer liegen­der Auf­satz reduziert die Stirn­fläche weit­er, weil Tor­so und Kopf „aus dem Wind“ kommen.

Weit­er­hin ent­lastet ein Auf­satz die Handge­lenke und Schul­ter- und Ellen­bo­gen­par­tie. Freilich muss sich der Kör­p­er vorher an die neue Hal­tung adap­tieren. Zum drit­ten ist ein Auf­satz ide­al zum Befes­ti­gen von Gepäck und Tacho, GPS & Co.. Für mich gilt: Lange Streck­en nur mit Auf­satz! Es sei denn, das Regle­ment schließt dies aus. Mir ist heute noch die Erin­nerung an den Schmerz in den Handge­lenken ab Kilo­me­ter 950 bei PBP 2007 sehr lebendig.

So las ich die Regle­ments-Änderung mit viel Inter­esse: Im Artikel acht des Regle­ments heißt es: „Han­dle­bar exten­sions are allowed only if they do not extend beyond a line cre­at­ed between the front of the brake levers, which must not be point­ed for­ward.“ Obschon die Start­plätze für die diesjährige PBP-Aus­tra­gung bere­its seit Wochen aus­ge­bucht sind, lohnt hier ein genauer­er Blick, da sich viele Brevets und andere Langstreck­en­fahrten am Paris­er Regel­w­erk ori­en­tieren. Kurz: Was bei PBP passiert, wird auch bei anderen Fahrten ankommen.

Freude oder Frust?

Die anfängliche Freude, dass solche Auf­sätze Handge­lenke scho­nen und für gute Aero­dy­namik sor­gen, wich schnell ein­er gewis­sen Rat­losigkeit, denn die PBP-Organ­isatoren hat­ten diese Erlaub­nis an eine knif­flige Bedin­gung geknüpft: Die vorder­ste Spitze des Auf­satzes darf nicht über die Bremshebel am eigentlichen Lenker hin­aus­ra­gen. Serien­pro­duk­te, die dieser Bedin­gung genü­gen, find­en inter­essierte Langstreck­en­radler vor allem bei den Sprint-Triathleten.

Das Prob­lem: Zwar sind die Griffholme passend mit dem Bremshebel, wie es der Ver­anstal­ter für seine 19. Aus­tra­gung von PBP fordert, aber die Armau­fla­gen sind im Bere­ich des Ober­lenkers posi­tion­iert. Das ist erstens aero­dy­namisch nicht opti­mal – was die meis­ten Brevet-Fahrer vielle­icht sog­ar akzep­tieren würden.

Schw­er­er wiegt, dass dieses Arrange­ment von Aufla­gen und Grif­f­en wenig kom­fort­a­bel ist: Greift man an den Hol­menden, dann bet­ten sich nicht die Ellen­bo­gen in die Aufla­gen, son­dern der Mit­tel­bere­ich des Unter­arms. Das Gewicht des Oberkör­pers hebelt stetig. Statt Muske­lentspan­nung ist Stütz- und Hal­tear­beit gefragt. Und umgekehrt: Wer die Ellen­bo­gen auflegt, der greift vorn ins Leere; ein sicheres Steuern des Rades ist nicht mehr möglich.

Abhil­fe find­et sich in der Self­sup­port- und Grav­el-Rennszene. Die Bikepack­er mit lan­gen Moun­tain­bike-Rah­men hat­ten von jeher das Prob­lem, dass ihre Auf­sätze sich am ger­aden Lenker der MTBs mit lan­gen Ober­rohren zu weit vorne befan­den. Sie haben Lösun­gen entwick­elt, die Ran­don­neuren nun zugute kommen.

Unsere Bauanleitung als Bilderstrecke

Paris Brest Paris Lenker umbauen
Foto: Kay Tkatzik

1. Klas­sis­ches Langstreck­en­ren­nrad aus Titan mit vie­len guten und sau-beque­men Teilen wie etwa dem leicht­en und ergonomis­chen Car­bon­lenker „SL-70 Ergo“ von Zipp. Mon­tiert man den „Vuka Clipp“ von Zipp wie gewöhn­lich am Ober­griff des Lenkers, dann zeigt die Wasser­waage sehr gut, wie weit der Auflieger von den PBP-Vor­gaben ent­fer­nt ist. Selb­st bei max­i­mal eingeschoben­em Holm (rechts) ist die Kon­struk­tion noch viel zu lang und damit illegal.

Paris Brest Paris Lenker umbauen
Foto: Kay Tkatzik

2. Das sieht nicht gut aus! Für ’ne schnelle Sause um den Block sind Aero­dy­namik und Kom­fort akzept­abel, aber für über 1.200 Kilo­me­ter in Frankre­ich braucht es eine bessere Abstützung der Ellen­bo­gen und eine entspan­ntere Hand­hal­tung. Tipp: Zipp bietet auch Holme mit anderen Winkel­stel­lun­gen des Griff­bere­ichs zum Nachrüsten, wahlweise aus Alu­mini­um oder Car­bon.

Paris Brest Paris Lenker umbauen
Foto: Kay Tkatzik

3. Unser­er Erfahrung nach zeigt diese Ellen­bo­gen­po­si­tion die Min­destlänge des Holms, um auf län­geren Streck­en bequem unter­wegs zu sein. Zu dumm: Der Auf­satz ragt deut­lich über die Brem­sen hin­aus. Einzige Lösung ist es, das gesamte Arrange­ment nach hin­ten zu rück­en. Lei­der haben die wenig­sten Ren­nrad­fahrer so viele Spac­er ver­baut, dass sie diese nun gegen einen sehr kurzen Vor­bau (etwa „Descen­dant“ von Tru­va­tiv mit nur 40 mm Länge) erset­zen kön­nten. An einem reich­lich gekürzten Lenker ließe sich anschließend weit zurück­ver­set­zt der Auf­satz montieren.

Paris Brest Paris Lenker umbauen
Foto: Kay Tkatzik

4. Die Lösung heißt „Fred Bar“ und ist exakt für solche Anwen­dun­gen ent­wor­fen. Der Bezug gestal­tet sich allerd­ings etwas kom­pliziert, da Her­steller Siren Cycles in den USA nur ein bis zweimal im Jahr eine kleine Charge auflegt. Funk­tionell ist der Fred Bar ide­al: Er fordert kaum 15 mm Bauhöhe auf dem Gabelschaft und hat eine 31,8‑mm-Aufnahme. So kann der Auf­satz direkt angeschraubt wer­den und sitzt weit zurück­ver­set­zt hin­ter dem eigentlichen Lenker am län­geren Vorbau.

Die Mon­tage ist denkbar ein­fach: Ein­fach Ahead-Kappe ent­fer­nen, ca. 15 mm Spac­er ent­nehmen und stattdessen den Fred­bar ein­set­zen. Sofern man fürs Ent­nehmen der Spac­er die Klem­mung des eigentlichen Vor­baus nicht lösen musste, ist der Steuer­satz ja nach wie vor justiert. Dann kann man den Fred Bar ein­fach festschrauben und anschießend die Ahead-Kappe wieder einsetzen.

Jet­zt nur noch den Auflieger rechts und links auf den Fred­bar steck­en und festschrauben, schon ste­ht das Set­up. Logisch: Mon­tagepaste nicht vergessen und alle Drehmo­mente peni­bel ein­hal­ten! Wir haben den Fred Bar sog­ar nach hin­ten ver­dreht, um die opti­male Posi­tion mit guter Abstützung und beque­men Griff zu erhal­ten. Das bedeutet aber, dass man im Wiegetritt ein wenig Vor­sicht wal­ten lassen muss, um nicht mit den Knien die Aufla­gen zu touchieren.

Paris brest paris lenker umbauen
Foto: Kay Tkatzik

5. Die Holme des Zipp-Auf­satzes ver­laufen unter dem Lenker, so kann man weit­er­hin gut am Ober­griff des SL-70 Ergo greifen.

Paris Brest Paris Lenker umbauen
Foto: Kay Tkatzik

6. Die Wasser­waage zeigt: Die Holme müssen kaum fünf Mil­lime­ter gekürzt wer­den, um regelkon­form in Frankre­ich an den Start zu gehen.

Die alten Hasen unter den Langstreck­lern wis­sen, dass man niemals mit neuem Mate­r­i­al zu wichti­gen Fahrten auf­brechen sollte. Insofern ist ger­ade bei einem Auf­satz eine aus­giebige Eingewöh­nung sin­nvoll. Das bet­rifft die Ergonomie genau­so wie das sichere Steuern des Rades in der Aufliegerpo­si­tion. Also immer ein Mul­ti­tool auf den ersten Aus­fahrten dabei haben und damit die Fein­justage durch­führen. Für opti­malen Kom­fort müssen evtl. auch Sat­tel­nei­gung und ‑höhe min­i­mal angepasst werden.

Text: Gun­nar Fehlau Fotos: Kay Tkatzik