Ren­nrad­fahren war mal eine Sache mit fes­ten Regeln. Die Beine waren rasiert, die Sock­en waren weiß. Es war ein Sport für harte Arbeit­er, man fuhr in einem Vere­in. Doch die Welt ist anders, sie hat sich weit­er­en­twick­elt, alles ist dif­feren­ziert­er und vielschichtiger, kom­plex­er und sehr viel indi­vidu­eller. Wer schnell mit Ped­alen rasen will, kann mehr als einen Weg wählen – und sog­ar die Straße mei­den. Quo vadis, Rad­sport?

Weg mit den Vor­bildern
Früher hat­ten Profis eine über­ge­ord­nete Bedeu­tung für junge und auch ältere Men­schen, die auf dem Rad um die Wette fuhren. Man wollte so sein wie Didi Thu­rau oder Jan Ull­rich. Wer aber im ver­gan­genen Jahrzehnt, bei all den Wirrun­gen und Dop­ingskan­dalen, den Sport hierzu­lande beobachtet hat, kon­nte kaum überse­hen: Die Masse der aktiv­en Sportler hat sich los­gemacht von den Profis.

Mil­lio­nen Men­schen sitzen auf dem Ren­nrad, das The­ma ist beliebt als per­sön­lich­er Fit­ness- und Erfahrungss­port – und dabei für die meis­ten Aktiv­en vol­lkom­men los­gelöst von den Ergeb­nis­sen der Profis. Die deutschen Stars sind inter­na­tion­al beina­he bekan­nter. Es ist nicht zu erwarten, dass sie einen Jugend­boom im Rad­sport aus­lösen – das hat schon bei der Tour de France in Deutsch­land 2017 nicht funk­tion­iert.

Das Ich fährt vor
Für den klas­sis­chen Rad­sport wird es immer schwieriger, sich unter den Bedin­gun­gen des mod­er­nen Hob­by- und Amateur­sports zu behaupten. Zwar meldet der Bund deutsch­er Rad­fahrer steigende Mit­gliederzahlen, doch wer sich umhört, kann auch erfahren: die Vere­ine haben es alles andere als leicht, ihre Ren­nen zu organ­isieren.

Denn es fehlt vielerorts seit Langem an Spon­soren – und das bleibt auch so. Dazu kommt, dass es für das Ehre­namt immer schwieriger wird.

Klar, es gibt sie noch, die Kri­te­rien sechs­mal um die Kirche – und es wird sie auch immer geben, weil hier der Grund­stein für den Leistungs­sport gelegt wird. Aber für die Organ­isatoren wird es dauer­haft schwierig bleiben, diese Ren­nen Jahr für Jahr zu ver­anstal­ten. Ein biss­chen Aufwind dürfte dadurch kom­men, dass der BDR heute Schnup­per­l­izen­zen anbi­etet.

Und dass es einzelne Vere­ine gibt, die sich „sexy“ ver­mark­ten und ihren Fahrern somit ein Umfeld bieten, in dem sie auf coole Weise in ihr erstes Lizenz­rennen find­en. Let­ztlich ste­ht der Vereins­radsport aber im Wider­spruch zu dem Ich, das heute vor und nach dem Ziel­strich zählt.

Fahren wie die Profis – als Nicht-mehr-Nor­ma­lo
Ein­mal ein Ren­nen fahren, den Ein­stieg find­en und einen ungekan­nten Stunden­schnitt erre­ichen: Für die Hob­by-Radler gibt es heute immer neue und mit Hochglanz pro­duzierte Events, die deut­lich attrak­tiv­er sind als die alten Vereins­rennen, auf span­nen­den Streck­en stat­tfind­en und oft sog­ar ver­sprechen, das Ren­n­fahren wie unter Profi­bedingungen zu ver­mit­teln.

Das zieht. Und zwar so sehr, dass sich eine neue Form von Hoch­leistungs­sport her­auss­chält, der paradoxer­weise unter dem Label „Jedermann­rennen“ herangerast ist. Wer heute bei einem großen Ren­nen schaut, welch­es Leistungs­niveau und welch pro­fes­sionellen Auftritt viele Teams hin­le­gen, der fragt sich: Ist das nicht schon wieder so etwas wie Profis­port – nur eben ohne die entsprechen­den Bud­gets?

Tat­sache ist: Was die Leis­tungsstärke der Ath­leten anbe­langt, wird man beim „Rothaus Rid­er­man“ oder bei „Rund um Köln“ ganz sich­er Fahrer erleben, die alles andere sind als Jed­er­män­ner. Diese Pseudo­professionalisierung wird weit­erge­hen – denn auch bei immer mehr inter­na­tionalen Rad-Events geht es um Top-Leis­tun­gen unter härtesten Bedin­gun­gen. Die Tourenserie Haute Route zeigt den Weg: Teuer, schick und hoch­kompetitiv.

Kein Weg mehr ohne Dat­en
Wer sich heute bei Trainings­fahrten und Rad­marathons umschaut, kann diesen Trend kaum überse­hen: Immer mehr Men­schen trainieren unter Bedin­gun­gen, die vor ein paar Jahren noch den Leistungs­sportlern vor­be­hal­ten waren. Wattmes­sung und exak­te Com­put­ertech­nik mit anschließen­der Trainings­analyse wer­den immer mehr zum Nor­mal­fall für Ren­nrad­fahrer.

Dieser Weg ist offen­sichtlich, und man kann das schon schade find­en: Viele Kol­le­gen über­lassen auf dem Rad nichts mehr dem Zufall. Sie fahren exakt nach den vom Trainings­plan vorgegebe­nen Watt­leistungen und tun damit etwas, was man gele­gentlich auch Profis vor­wirft. Diese Art des Train­ings wird mit dem Weit­er­ver­bre­it­en entsprechen­der Tech­nik und dem fortschre­i­t­en­den Selb­stop­ti­mieren ganz sich­er noch weit­erge­hen.

Man kann das schade find­en und vielle­icht auch von unnötigem Freizeit­stress reden, aber sich­er ist auch: effizien­ter und wirkungsvoller trainieren wird man mit diesen Meth­o­d­en.

Befeuert wird der Rad­datais­mus noch von der zweit­en Ebene, die das virtuelle Trainings­angebot Zwift und die soziale Plat­tform Stra­va über das tägliche Train­ing leg­en. Wer in dieser Blase lebt, wird dem Sport immer mehr Zeit und Gedanken wid­men.

Der hol­prige Weg
Es gibt par­al­lel zu diesem aber auch einen zweit­en Weg, der sich ger­ade immer deut­lich­er aufzeigt und irgend­wo am Hor­i­zont ver­läuft. Er trägt oft­mals den Namen Grav­el oder All­road und manch­mal noch immer Cross.

Er ver­spricht den Rennrad­fahrern so etwas wie Erlö­sung, und es ist kein Wun­der, dass ein führen­der Her­steller ein neues Rad als „Gral“ beze­ich­net. Denn es gibt, bei aller Lust auf Leis­tung und Ich-Verbesserung, auch die andere Seite, das „Ich will nur noch meine Ruhe“. Mit gelän­degängi­gen Ren­nrädern kann man die über­füll­ten Straßen ver­lassen und dem Ärg­er mit Sport­wa­gen- und Lkw-Fahrern ein- und für alle­mal entkom­men.

Man fährt mit bre­it­en Reifen über Schotter­wege, ein biss­chen weniger schnell als auf der Straße, aber immer noch sportlich und mit so viel Spaß, dass man weit­er kommt und gar nicht mehr auf den Tacho schaut. Dieser Weg zu einem Fahren ohne Dat­en, ohne Druck – er wird eines der wichtig­sten The­men des Ren­nrad­sports der näch­sten Jahre sein.

Erlaubt ist, was gefällt
Auf dem Grav­el­rad über Feld­weg­trassen, auf dem min­i­mal­is­tis­chen Design­bock über die Bahn, auf dem Ren­nrad mit immer mehr Kom­fort über die Straße – oder gar mit einem E-Ren­nrad über Passstraßen … Es ste­ht längst fest, dass die Vielschichtigkeit des Ren­nrad­fahrens enorm weit­er wächst. Und dass Tra­di­tio­nen nur noch Zierde sind. Es gibt nicht mehr nur den einen Weg, son­dern immer neue Gabelun­gen – und was ein Ren­nrad ist, wird man vielle­icht in zehn Jahren gar nicht mehr so genau wis­sen.