Für die All­t­agspendelei das Rad zu nutzen, ist nicht nur schlau, es ver­führt auch her­rlich zu kleinen Auszeit­en. Wir lassen vier Großstädter zu Wort kom­men, welche Frei­heit­en sie sich erlauben.

Manche sagen, der tägliche Weg auf dem Fahrrad sei ihr kle­in­ster möglich­er Urlaub. Und die Sta­tis­tik gibt ihnen recht: Wer mit dem Rad zur Arbeit kommt, ist wach­er, gesün­der und unterm Strich glück­lich­er. Natür­lich ist das Rad auch ide­al, um hier und dort noch einen Weg zu erledi­gen. Und plöt­zlich ist die Gren­ze zum Selb­stzweck ver­schwom­men: Wer sein Rad liebt, der … will noch weit­er fahren! Mit ver­schieden­sten Rädern lassen sich unter­schiedliche Umwege äußerst spaßbrin­gend in die Tage­s­pla­nung inte­gri­eren, um noch etwas frische Luft zu genießen oder mal so richtig ins Schwitzen zu kom­men. Ob man auf dem Weg zur Arbeit Energie tankt, oder lieber auf dem Heimweg den Stress abschüt­telt, hängt natür­lich von den Gegeben­heit­en ab. Klar ist aber: Die beste Verbindung zweier Punk­te ist niemals eine Ger­ade.

Take the long way home
Ham­burg, aus der Hafenci­ty über die Reeper­bahn Rich­tung Har­veste­hude
(Ent­fer­nung ca. 8 km)

In unregelmäßi­gen Abstän­den wird mein Heimweg aus der glitzern­den Busi­ness­welt der Hafenci­ty ins beschauliche, betuchte und bürg­er­liche Har­veste­hude zu einem Trip in eine andere Welt. Dann tausche ich den üblichen Weg an der Auße­nal­ster ent­lang gegen den ungle­ich aufre­gen­deren, elbab­wärts. Vor­bei an Ham­burgs neuen und alten Wahrze­ichen „Elphi“, Cap San Diego und altem Elb­tun­nel geht’s auf St. Pauli. Hier mit dem Rad unter­wegs zu sein, hat viele Vorteile: Ich bin nicht nur schneller, ich rieche den Hafen und höre die Möwen schreien, und das ist ein­fach das wirk­sam­ste Mit­tel gegen den All­t­agsstress. Ich mache näm­lich „was mit Medi­en“. Ich „scribbele“ also und „pitche“, ich „calle“ und manch­mal habe ich sog­ar mit „Key Influ­encern“ zu tun. Dabei kann die „Work-Life-Bal­ance“ ziem­lich in dutt gehen, wie wir hier im Nor­den sagen. Und dann lande ich auf St. Pauli. Noch die leg­endäre Hafen­straße rauf, am Hein-Köl­lisch-Platz ein Bier, in der „Kom­büse“ das Aben­dessen holen und ab in den Park Fic­tion, Schiffe guck­en. Der Tag ist jet­zt schon gerettet. Wenn ich später meinen BMX-Cruis­er „Avenger 26“ über die Reeper­bahn zum „Molo­tow“ trete, errege ich min­destens soviel Aufmerk­samkeit wie die Jungs mit den Kut­ten und den Harleys – und bekomme trotz­dem keinen Stress mit den Angels. So ist das halt hier auf der Reeper­bahn: Sehen und gese­hen wer­den gehört ein­fach dazu. Ein halbes Dutzend durchge­tanzter Stun­den und zwei, drei „Mexikan­er“ später geht bere­its die Sonne auf, als ich kom­plett entspan­nt die Seit­en­straße hochcruise. Klein­er Umweg? Große Frei­heit!

Pro­tokoll: Arne Bischoff
Fotos: Wusel, Flo­ri­an Timm

Mor­gengeis­ter im Aue­wald
Leipzig, mit dem Fix­ie von Gohlis nach Schleußig,
(Ent­fer­nung ca. 8 km)

Ich schul­tere mein Rad im vierten Stock und set­ze es vor dem Haus wieder ab. Dafür ist das neue Fix­ie echt super, weil schön leicht. Eine Schal­tung braucht man hier in Leipzig eh nicht, topfeben ist die Stadt. Der starre Gang tut meinen Beinen gut und meinem Kopf: Blitzwach muss man sein, auch mit zwei Brem­sen am Rad. Meis­tens fahre ich die großen Straßen, da kommt man schneller voran. Ich stecke meine Schuhe in die Riemen, lasse die Straßen­bahn vor­bei und über­hole sie dann spätestens beim Zoo. An der Ampel, die niemals grün ist, mach ich den täglichen Track Stand: Wer den Fuß abset­zt, ver­liert. Zur Bremse greifen gilt nicht. Wenn ich spät dran bin, hält hier zehn vor neun gegenüber immer der lang­haarige Typ mit dem blauen Reis­er­ad. Seit zwei Jahren grüßen wir uns. Jet­zt kommt die Koll­witzs­traße, die sich mit dem Rad echt schlecht fahren lässt, weil Aut­o­fahrer sich zweis­purig vor­bei­drän­geln, obwohl sie selb­st kaum Platz haben. Also gle­ich rüber zum Johan­na­park. Viel bess­er, ich liebe den dick­en grü­nen Streifen, der sich durch die ganze Stadt zieht! Das bre­ite Asphalt­band im Clara-Zetkin-Park ist die Magis­trale für Pendler aus der West- in die Innen­stadt, oder ander­srum. An der Sach­sen­brücke der Blick auf die Uhr: Wenn ich früh los­gekom­men bin, folge ich dem ver­heißungsvollen Früh­lingsmor­gen, diesem Flir­ren in der Luft, diesem beson­deren Licht – und biege ab ans Elster­flut­bett. Auf dem Wass­er trainieren die Kanuten, ich fliege vor­bei an der Galopp­rennbahn und kön­nte noch ewig so weit­er, durch den ganzen Aue­wald bis zum Cospu­den­er See. Am Kanu­vere­in drehe ich heute um und fahre durch den Parkzipfel bis zur Indus­tries­traße. Im Ver­lag wasche ich mir das rote Gesicht, wech­sle das Shirt und hol mir nen Kaf­fee. Jet­zt kann der Tag kom­men!

Pro­tokoll: H. David Koß­mann
Fotos: Iona Dutz

Spon­tan­er Urlaub im Forst
Köln, aus der Alt­stadt zum Flieger
(Ent­fer­nung ca. 14 km)

In der Alt­stadt im Süden Kölns zu wohnen, ist ein Jack­pot nicht nur für Karnevals­fre­unde. Hier im Veedel (Kölsch für Vier­tel) mis­chen sich Kul­turen, und Vielfalt ist Trumpf. Das gilt für alle Lebens­bere­iche und bere­ichert mein Leben. Einzig als Rad­fahrer lei­det man ein wenig, denn die Rad­wege sind rar und schlecht; auf den Straßen ist es metrop­o­lisch eng. Dass ich mich den­noch täglich in den Sat­tel schwinge, hat einen ein­fachen Grund: der Königs­forst! Er ist das Scharnier zwis­chen der Großs­tadt Köln und dem Ber­gis­chen Land und die grüne Lunge Kölns. Im West­en seicht, wird er ost­wärts zunehmend hügeliger. Das Ange­bot an Wegen reicht von der Wal­dau­to­bahn bis zum winke­li­gen Sin­gle­track. Damit ist er eine traumhafte Spiel­wiese fürs Rad­fahren jed­er Gat­tung. Und das Beste: Er liegt direkt neben mein­er Arbeitsstelle nahe des Köln-Bon­ner Flughafens. Jeden Mor­gen kann ich von Neuem entschei­den, ob direkt zur Arbeit fahre oder noch eine Runde „Crossen“ gehe. Jeden Mor­gen habe ich die Chance, meinen Tag mit ein­er Por­tion „Gelände“ zu ver­süßen. Oder ich begebe mich in bester Ren­nrad-Manier auf „Cap­puc­ci­no-Tour“ zur „Schmitze­bud“. Der ehe­ma­lige Kiosk an der süd­west­lichen Spitze des Königs­forsts ist heute eine Pizze­ria und seit über hun­dert Jahren Tre­ff­punkt der Köl­ner Rad­sport­szene. Seit ich mein „VR5“ von Felt habe, brauche ich dafür nicht ein­mal das Fahrrad zu wech­seln! Die bre­it­en Reifen machen den Ren­ner vol­lkom­men Königs­forst-tauglich, steck­en auch die schlecht­en Rad­wege der Region weg und sind den­noch flink auf der Straße. Mit diesem Ren­ner kann ich noch spon­tan­er entschei­den, wie mein Arbeitsweg oder der Weg nach Hause sein wird. Manch­mal passiert das erst in der let­zten Sekunde. Mehr Frei­heit geht ein­fach nicht!

Pro­tokoll: Gun­nar Fehlau
Fotos: Eve­lyn Fehlau

Wurzeln statt Ampeln
München, von Har­lach­ing nach Maxvorstadt
(Ent­fer­nung ca. 8 km)

31. In Worten: Ein­und­dreißig Ampeln auf meinem kürzesten Arbeitsweg quer durch die bay­erische Metro­pole. Min­destens 45 Minuten Fahrzeit für acht Kilo­me­ter. Grüne Welle? Fehlanzeige in der Radl­haupt­stadt. Während sich die Autos dicht an dicht durch die Straßen quälen, darf ich an jed­er Ampel ihre Abgase schnup­pern. Das ist bes­timmt nicht gesund, das nervt. Ich will entspan­nt Am Arbeit­splatz ankom­men und nicht gestresst. Also vom Har­lachinger Berg runter an den Isar­rad­weg, zum Tier­garten Hellabrunn. Die mor­gendlichen Son­nen­strahlen kämpfen sich ihren Weg durch die Nebelschwaden am Flauch­er. Der Nachteil des Flaucher­gril­lens am Vor­abend: Der Rad­weg ist wieder mal über­sät mit Scher­ben. Glück­lich, wer hier Moun­tain­bike fährt und so auf die kleinen Ufer-Trails auswe­ichen kann. Noch ein kurz­er Früh­stücks-Stopp am Kiosk. Die Son­nenuhr am Deutschen Muse­um zeigt bere­its 9 Uhr, als ich gemütlich weit­er­rolle. Doch heute ist der Weg das Ziel. Nach der Muf­fathalle erwarten mich die saftig grü­nen Isa­rauen, ein Klein­od mit­ten in der Großs­tadt. Schnell die nöti­gen Endor­phine für den Tag sam­meln! Beim Friedensen­gel heißt es näm­lich Abschied nehmen von diesem her­rlichen Stück Natur. Auf der Luit­pold-Brücke hat mich der Berufsverkehr wieder. Doch das ist jet­zt egal. Ich beobachte die ersten Surfer, die sich am Haus der Kun­st in ihren Neo­pre­nanzü­gen in den Eis­bach wer­fen. Nur noch ein paar unvor­sichtige Stu­den­ten an der TU vom Rad­weg gek­lin­gelt und dann aus­geglichen ins Büro. Fünf Kilo­me­ter länger ist die Runde, ohne Früh­stücks-Stopp schafft man die Strecke in – Über­raschung – 45 Minuten. Abends wieder zuhause, summe ich bierselig meinem Bike noch die besten Hits der Münch­en­er Frei­heit vor. Solang man Träume noch leben kann …

Pro­tokoll und Fotos: Thomas Geisler