Da ste­ht sie auf ihrer kahlen Anhöhe, wenige Hun­dert Meter von der Straße ent­fer­nt – eine unregelmäßig geformte Fel­snadel, die dur­chaus Ähn­lichkeit mit einem Men­schen aufweist. Käme man in der Däm­merung vor­bei, kön­nte man sich fast gruseln vor Lots Frau, jen­er Ein­wohner­in von Sodom, die sich auf der Flucht nach ihrem alten Leben umsah und zur Salzsäule erstar­rte.

Salz, Flucht, der Blick nach hin­ten – das passt auch zum Rad­sport, wenn man sich bei knapp 30 °C schwitzend eine im Schnitt elf Prozent steile Serpentinen­straße hochquält, soeben aus der ersten Gruppe raus­ge­fall­en ist und nun nach Mit­stre­it­ern Auss­chau hält, mit denen man die kom­menden 80 Kilo­me­ter in Angriff nehmen kann. Eine Sit­u­a­tion, die jed­er Rad­sportler ken­nt, in ein­er Land­schaft, die einen extremen Kon­trast zu allem bietet, was der mittel­europäische Renn­radler gewohnt ist. Wo son­st auf der Welt kann man schon Höhen­meter unter Nor­mal­null sam­meln?

En Bokek, der Star­tort des Gran Fon­do Dead Sea, liegt gut 400 Meter unter Null am Ufer des Toten Meeres. Am Scor­pi­on Pass, der besagten Ser­pen­ti­nen­strecke, geht es bis auf 450 Meter über Null – flach ist das israelis­che Rad­sport-High­light also keineswegs. Auf der 155-Kilo­me­ter-Tour sam­meln sich immer­hin 1.750 Höhen­meter an; zu Saison­beginn Anfang März für den Bre­it­en­sportler schon eine ordentliche Leis­tung. Neben den geol­o­gis­chen Beson­der­heit­en war es ger­ade die Aus­sicht auf frühe Kilo­me­ter bei milder Wit­terung, die mich die Ein­ladung nach Israel annehmen ließ – und nicht zulet­zt die Neugi­er darauf, ob und wie man in diesem Land, das vor allem durch den Dauerkon­flikt mit seinen Nach­barn aus den Schlagzeilen nicht her­auskommt, über­haupt Rad fahren kann.

Vom „Biker­boom im Bibel­land“ kon­nte man bere­its vor knapp zehn Jahren in der Presse lesen, seit­dem ist der Trend zum Fahrrad unge­brochen. Bezo­gen auf die Bevölkerungs­zahl importiert Israel genau­so viele Fahrräder wie Deutsch­land; sie wer­den in den vom Autoverkehr ver­stopften Städten genutzt und immer mehr auch sportlich bewegt. Der Gran Fon­do Dead Sea ist Teil der Bestre­bun­gen, Israel zum Fahrrad­staat zu machen: Ein­er­seits verortet er das Land als Trainings­ziel auf der Land­karte jen­er Rad­sportler, die im Früh­jahr Wet­ter­sicher­heit haben wollen und nicht auf Mal­lor­ca & Co. fest­gelegt sind; ander­er­seits soll er die eigene Bevölkerung aktivieren und eine Radsport­basis schaf­fen, aus der, so hofft man, irgend­wann eine inter­na­tion­al wet­tbe­werb­s­fähige Spitze her­vorge­hen wird.

Wer nach Israel reist, hat mehr im Sinn als nur das Rad­fahren. Nir­gend­wo son­st sind 4.000 Jahre Menschheits­geschichte so präsent, wird man so aus­dauernd mit den Orig­i­nalen der Bilder kon­fron­tiert, welche die eigene „abendländis­che“ Kul­tur prä­gen. Jerusalem und Tel Aviv sind Pflicht­pro­gramm für den Rad­touris­ten; so wird der Train­ingsaufen­thalt schnell zur Bil­dungsreise. Gle­ichzeit­ig sind die sicht­bare Präsenz von Schuss­waf­fen bei den Ordnungs­kräften und die vie­len Mil­itär­posten auf den Straßen eine stete Erin­nerung daran, dass man in ein­er Krisen­re­gion Urlaub macht.

Wie viele Rad­fahrer neugierig auf Israel sind, stelle ich am Start des Gran Fon­do Dead Sea fest. Von den rund 1.000 Teil­nehmern ist ein großer Teil aus dem Aus­land angereist, darunter viele Triath­leten mit Lenker­aufsatz. Die Neugi­er auf das, was uns bevorste­ht, schweißt zusam­men. Schnell komme ich mit dem Amerikan­er Neil und Joao aus Por­tu­gal ins Gespräch. Es ist sieben Uhr mor­gens, wir ste­hen kurz-kurz im Son­nen­licht, das weich durch die Allee­bäume von En Bokek dringt – bess­er kann ein Tag kaum anfan­gen. Nach dem neu­tral­isierten Start führen die ersten 25 Kilo­me­ter der kom­plett abges­per­rten Strecke in ras­an­ter Fahrt am südlichen Teil des Toten Meers ent­lang, dann geht es für etwa 50 Kilo­me­ter nahezu per­ma­nent bergauf. Bis zum Gipfel des Scor­pi­on Pass mit seinen 15 Spitzkehren und den charak­ter­is­tis­chen betonge­füll­ten Ton­nen, die den Straßen­rand markieren, hat man 850 Meter an Höhe gewon­nen.

All dies spielt sich auf erstaunlich gutem Asphalt ab – und in ein­er öden, baum­losen Stein­wüste, die für Rad­fahrer ger­ade men­tal eine Heraus­forderung darstellt. Auf dem Kurs in Form eines unregelmäßi­gen Rechtecks gibt es kaum Kur­ven und wenig zu sehen; streck­en­weise rollen wir kilo­me­ter­lang ger­adeaus, mal an nack­ten Felsen vor­bei, mal durch das niedrige Buschw­erk, das hier die einzige Veg­e­ta­tion darstellt. Doch mit der Zeit öff­nen sich meine Augen für die kleinen Details. Ein ungewöhn­lich geformter Stein, ein blass­grün­er Strauch fes­seln meine Aufmerk­samkeit. Hin­weiss­childer mah­nen zur Vor­sicht vor freilaufend­en Kame­len, und weit draußen, fast schon am Hor­i­zont, erspähe ich ein Beduinen­lager. Der Geist saugt sich fest an dem Weni­gen, das die Szener­ie zu bieten hat, und so ist es sich­er kein Wun­der, dass die Men­schen, die hier lebten und leben, die hervor­stechenden Merk­male dieser Land­schaft mit ihrer Mytholo­gie in Verbindung bracht­en – etwa die augen­fäl­lige For­ma­tion, die unter ein­er dün­nen Sed­i­mentschicht tat­säch­lich aus Salz beste­ht, mit Lots Frau.

Rad­fahren in Israel?
Im Win­ter und im Früh­jahr ist das eine vorzügliche Idee, das hat mir der Gran Fon­do Dead Sea bewiesen. Die Land­schaft mag gewöhnungs­bedürftig sein, dafür ist der Verkehr ger­ing und das Kli­ma gün­stig. Und angesichts des Fahrrad­booms im Heili­gen Land muss man sich als Rad­sportler nicht wie ein Exot fühlen.

Was man dabei haben sollte:
Zwei große Trink­flaschen, Flickzeug, Pumpe oder Gaskar­tusche, einen Ersatzschlauch, eventuell eine dünne Wind­jacke für mor­gens sowie dünne Arm­linge, die auch vor inten­siv­er Sonne schützen. Minikam­era oder Handy mit Kam­er­a­funk­tion (Achtung: In Mil­itär­zo­nen ist das Fotografieren ver­boten – unbe­d­ingt daran hal­ten!)

Hin­weis: Fahrzeit-Fahrer Kay Tkatzik war auf Ein­ladung und Kosten des Ver­anstal­ters (www.granfondo-deadsea.co.il/en), bzw. unter­stützen Touris­musver­bän­den unter­wegs.