Besser sitzen – schneller fahren

Irgendwie auf dem Rad zu sitzen, reicht nicht.
Text: Caspar Gebel, Bilder: Kay Tkatzik, Hersteller

Beim Bikefit­ting gehen die Experten in Sachen Posi­tion­s­analyse ins Detail, um aus dem großen Puz­zle, das die Sitzhal­tung auf dem Fahrrad darstellt, ein stim­miges Bild zu machen.

Es gibt ziem­lich gute Bauern­regeln fürs Wet­ter – aber Satel­liten­fo­tos sind nun mal bess­er!“ Dr. Kim Tofaute mag bild­hafte Beispiele, wenn es darum geht, sein „Busi­ness“ zu beschreiben. Und der Ver­gle­ich ist gar nicht mal so schlecht, denn Pi mal Dau­men die Sitz­po­si­tion am Fahrrad zu bes­tim­men, traut sich jed­er etwas erfahrenere Rad­sportler zu. Schließlich gibt es dazu etliche Faus­tregeln: Mit der Hügi-Formel lässt sich die Sitzhöhe bes­tim­men, das Knielot definiert die hor­i­zon­tale Sat­tel­po­si­tion, und mit der Dreifinger­regel bekommt man die richtige Vor­baulänge her­aus.

Klingt ein­fach, oder? Doch bere­its in dieser Methodik steck­en min­destens zwei Fehler, erk­lärt Tofaute. Der Formel „Innen­bein­länge x 0,885“ des schweiz­erischen Bikefit­ting-Pio­niers Wil­fried Hügi bescheinigt der Koblenz­er Rad­ver­mess­er zwar dur­chaus eine wis­senschaftliche Basis, doch let­ztlich gibt sie nur einen Mit­tel­w­ert an. „Bei der Dreifinger­regel wird die Oberkör­per­länge völ­lig außer Acht gelassen, eben­so die Rück­en­streck­ung. Zudem kann die Länge der Hand und der Fin­ger stark vari­ieren“, erk­lärt Tofaute. Das Knielot wiederum ist höch­stens als grobe Richtschnur zu ver­ste­hen – diese Meth­ode dient eher zur Festschrei­bung tra­di­tioneller Sitzhal­tun­gen mit weit hin­term Tret­lager ste­hen­dem Sat­tel.

Der Markt der Posi­tionsver­mes­sung ste­ht noch am Anfang, und das Poten­zial ist riesig. Im Ver­gle­ich zum Fit­ting ist die Leis­tungs­di­ag­nos­tik fast schon ein alter Hut; für viele ambi­tion­ierte Rad­sportler gehört die teure Bes­tim­mung der Leis­tungs­bere­iche zwin­gend dazu. „Bikefit­ting ist der gün­stig­ste Weg zu mehr Leis­tung“, hält Tofaute dage­gen. Denn während eine Opti­mierung der Sitz­po­si­tion im gün­stig­sten Fall sofort wirkt und sich in einem mess­baren Leis­tungsplus nieder­schla­gen kann, ist die Diag­nos­tik lediglich der Startschuss zu ein­er aufwendi­gen Train­ings­pla­nung und ‑steuerung, der sich im Übri­gen längst nicht jed­er Rad­sportler unter­w­er­fen mag und die ohne teures Pow­er­me­ter wenig bringt. Effizient und kom­fort­a­bel auf dem Rad zu sitzen, ist dage­gen ab dem ersten Ped­al­tritt ein Gewinn – egal, ob man Wet­tkämpfe bestre­it­et oder „just for fun“ fährt.

Die Bikefit­ting-Prax­is ist eine Mis­chung aus Fahrradtech­nik, Rad­sportwissen und Orthopädie. Bei der ein­lei­t­en­den Anam­nese geht es um viele indi­vidu­elle Fak­toren: Wie und wie viel fährt der Proband? Was sind seine Ziele, welche Beschw­er­den pla­gen ihn? Auf das Gespräch fol­gt eine umfassende Ver­mes­sung; dazu analysiert der Experte Fak­toren wie Flex­i­bil­ität und Muskel­tonus, informiert sich über Ver­let­zun­gen und alte Frak­turen und prüft wichtige Merk­male wie den Beck­en­stand und einen eventuellen Unter­schied der Bein­länge. Eine beson­dere Bedeu­tung kommt der Form und Stel­lung der Füße zu; ein wichtiges Detail ist auch die Aus­rich­tung der Schuh­plat­ten. „Bei kräftig gebaut­en Fahrern stimmt der Q‑Faktor oft nicht“, erk­lärt Tofaute. Dann stün­den die Ped­ale zu eng für die Beck­en­bre­ite des Fahrers („Bal­le­ri­na-Effekt“), was län­gere Ped­alach­sen nötig mache.

Tofaute klappt ein kleines Met­al­lköf­ferchen auf, in dem, säu­ber­lich aufgerei­ht, Speed­play-Ped­ale mit den unter­schiedlich­sten Achslän­gen steck­en, dazu unter­schiedlich dicke Dis­tanzstücke zum Aus­gle­ich eines eventuellen Bein­län­ge­nun­ter­schiedes. Das speziell für die Posi­tion­s­analyse bes­timmte „Pro Fit Case“ des US-Ped­al­her­stellers bietet dem Kun­den die Möglichkeit, sich in Mil­lime­ter­schrit­ten an die opti­male Fußstel­lung her­anzu­tas­ten – Ergonomie vom Fein­sten.

Auch Schuhe und Ein­lege­sohlen gehören zum Betä­ti­gungs­feld der Bikefit­ter; in den let­zten Jahren sind allerd­ings immer mehr indi­vidu­ell anpass­bare Ren­nradtreter am Markt. Der ungewöhn­lich geformte Bont-Schuh etwa lässt sich mit sein­er seitlich hochge­zo­ge­nen Car­bon­sohle opti­mal an den Fuß des Benutzers anpassen – dazu muss man ihn nur im Back­ofen erhitzen und dann am Fuß in die richtige Form pressen.

Kern­stück des Fit­tings ist die Posi­tion­s­analyse vor der Kam­era auf dem Rol­len­train­er, für die der Kan­di­dat mit reflek­tieren­den Kugeln bek­lebt wird. So kann Tofaute am Rech­n­er genau die Kör­per­winkel bes­tim­men, die fürs Rad­fahren bedeut­sam sind, etwa Knie- und Hüftwinkel. „Man muss abgle­ichen, was der Ath­let in Sachen Beweglichkeit kann und wie er auf dem Rad sitzt“, erk­lärt Tofaute. Wer wenig fährt, könne nicht die Hal­tear­beit leis­ten, die eine extreme Über­höhung von Sat­tel und Lenker erfordert. Bei Rück­en- oder Sitzprob­le­men gilt es ein­er­seits, her­auszufin­den, ob die Sitz­po­si­tion ursäch­lich für die Beschw­er­den ist, und ander­er­seits, dem Kun­den schmerzfreies Rad­fahren zu ermöglichen. Hier zeigt Tofaute an einem Beispiel, wie schw­er es sein kann, sich selb­st opti­mal zu posi­tion­ieren: „Es ist gut, dass Sät­tel in unter­schiedlichen Bre­it­en ange­boten wer­den, doch das bringt nichts, wenn der Sat­tel zu weit hin­ten ste­ht. Dann sitzt der Fahrer näm­lich immer auf dem schmalen vorderen Teil.“

Die alte Regel, der Sat­tel müsse genau waagerecht ste­hen, führt bei manchen Rad­fahrern zu Sitzprob­le­men – sie müssten die Sat­tel­nase absenken, um effek­tiv­er zu sitzen. Wer dann das Gefühl hat, per­ma­nent nach vorne zu rutschen, bekommt etwa vom Sat­tel­spezial­is­ten Pro­l­o­go Sät­tel mit ein­er speziellen Beschich­tung („Con­nect Pow­er Con­trol“), die einen fes­ten Halt bieten.

Über­haupt hat die Fahrradin­dus­trie in Sachen Ergonomie heute eine Menge zu bieten. High­end-Her­steller wie Zipp oder Enve etwa bieten Lenker nicht nur in unter­schiedlichen For­men an, auch kleine Dif­feren­zen beim „Reach“ erlauben einen hohen Grad der Indi­vid­u­al­isierung. Das bedeutet allerd­ings auch, dass man beim Umstieg auf einen anderen Bügel eventuell etwas anders auf dem Rad sitzt. Tofaute empfiehlt, Posi­tionsverän­derun­gen nur in kleinen Schrit­ten vorzunehmen. Der Kör­p­er brauche Zeit, um sich umzustellen; unter Umstän­den könne es sog­ar zu ein­er „Erstver­schlechterung“ kom­men. In diesem Zusam­men­hang spricht der Dok­tor von „Micro- und Macro-Absorbers“: „Die einen reagieren empfindlich auf Verän­derun­gen und sind auch schnell ver­let­zt, die anderen merken kaum etwas.“ Oft ist es mit ein­er Fit­ting-Ses­sion ohne­hin nicht getan und der Experte muss nachjustieren – wie der Kör­p­er auf eine Verän­derung reagiert, muss sich erst erweisen.

Dass man beim Bikefit­ting oft genug Kom­pro­misse einge­hen muss, zeigen Beispiele aus der Welt des Beruf­s­rad­sports. Bei Klasse­ment­fahrern ist etwa zu beobacht­en, dass die Sitz­po­si­tion auf dem Straßen­rad der auf der Zeit­fahrmas­chine angenähert wird, um bei ein­er Rund­fahrt den Wech­sel von ein­er auf die andere leichter zu machen – etwa, wenn auf eine schwere Berge­tappe ein Einzelzeit­fahren fol­gt. Dieser Trend ist auch an den hochak­tuellen Aeros­traßen­ren­nern abzule­sen, wie sie unter anderem Felt anbi­etet.

Bessere Fahrer sitzen nicht unbe­d­ingt bess­er auf dem Rad“, weiß Tofaute – ein schwach­er Trost für jeman­den, der mit sein­er Sitzhal­tung hadert. Da hil­ft dann nur ein Besuch beim Bikefit­ter …

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